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LEIDEN SCHAFFT RECHERCHE / DIE #NR17

Wer mir auf Twitter oder Instagram folgt, der wird am Wochenende mitbekommen haben, was bei mir anstand: Die Netzwerk Recherche Jahreskonferenz in den Räumen des Norddeutschen Rundfunks! Bereits letztes Jahr war ich von Programm & Organisation und den zahlreichen inspirierenden Menschen begeistert, daher war es keine Frage für mich, auch dieses Jahr wieder teilzunehmen. Im Folgen lest ihr einen ewig langen Event-Bericht, feat. Unmengen von Kaffee, Tweets und glänzenden Augen.

Freitag:

Lieber Deniz – ein Brief an den in der Türkei inhaftierten Deniz Yücel

Journalist zu sein, das bedeutet, auch immer wieder für die Pressefreiheit zu kämpfen. Stellvertretend für Kollegen auf der Bühne zu stehen, die wie Deniz Yücel inhaftiert in der Türkei sind. Die Auftaktveranstaltung startete daher mit einem Brief an den Journalisten, der von 13 seiner Kollegen vorgetragen wurde. Ein Moment, der die Menschen im Saal sichtlich berührte und und daran erinnerte, wie wichtig es ist, den Mund aufzumachen, ein Zeichen zu setzen, immer weiter zu kämpfen. Hier könnt ihr den ganzen Brief nachlesen.

Von Superkühen und Zauber-Spiegeln

Mein erstes richtiges Panel sprach vor allem den technikfaszinierten Teil von mir an: Sensorjournalismus – oder anders ausgedrückt: Wie man journalistische Beiträge dem Empfänger zur relevanten Zeit am relevanten Ort liefert. Das ganze ist natürlich stark mit der Thematik des Internets der Dinge (IoT) verbunden, denn praktisch könnte das ganze so aussehen, dass, je nachdem welche Zahnbürste aus ihrer Ladestation entnommen wird, ein anderer Inhalt auf dem interaktiven Badezimmer-Spiegel eingespeist wird. Ein Pilotprojekt ist die App Xminutes, die genau dieses Prinzip auf das Smartphone bringen und dessen Sensoren zur Contentplatzierung nutzen will. Das ganze ist übrigens in Beta-Version demnächst für alle testbar und ruft natürlich auch direkt Datenschutzskeptiker auf den Plan. Denn wenn noch mehr Daten meiner Person gesammelt werden, um das best-personalisierteste Ergebnis zu erreichen, dann birgt das natürlich ein gewisses Risiko. Referent Marco Maas zufolge soll aber dies durch eine neue Datenschutzverordung kein Grund zur Unruhe sein.

Ein weiterer spannender Ansatz kommt von einer ganz anderen Ecke. Der freie Journalist Jakob Vicari referierte über sein Projekt Super-Kühe, welches Sensor-Live-Reportagen ermöglichen soll. Dazu wird ein pillenähnlicher Sensor in den Magen der Kuh eingeschleust, der von dort aus Daten aufnimmt und weitergibt. Das kann z.B. die um 2 ° Celsius abfallende Temperatur im Kuhmagen sein, die darauf hinweist, dass die Kuh gerade etwas getrunken hat. Ziel ist es, mithilfe von Text-Algorithmen eine Art Tagebuch zu erstellen, dass direkte Einblicke in die deutsche Milchproduktion gibt. Zusätzlich wird daran gearbeitet, einen Textbot bereitzustellen, der in Persona Kuh dann mit jedem auf Basis der Daten, die der Sensor erhebt chatten kann.

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Recherchen im Darknet

Mit einem mehr als gut gefüllten Magen ging es direkt zur nächsten Veranstaltung – die so überfüllt war, dass Menschen draußen vor den Fenstern des Raumes standen, um mitzuhören. Daniel Moßbrucker, der bei Reporter ohne Grenzen arbeitet, erklärte in einer Stunde die wichtigsten Basics rund um die Recherchen im Darknet. Ein Vortrag, der seine Zuhörer nicht nur fesselte, sondern auch das ein oder andere Mal den Kopf vehement schütteln ließ – zu groß das Unverständnis gegenüber den dort zu findenden Sachen. Gerade deswegen ist es wichtig zu erwähnen, dass im Darknet, mit dem die meisten Drogenkriminalität und schlimmere Vergehen verbinden, auch Geflüchtete und Exiljournalisten zu finden sind, die die Anonymität nutzen, weil Pressefreiheit in ihrem Land ein Fremdbegriff ist.  Moßbrucker, der gemeinsam mit der Journalistin Anette Dittert den Film „Das Darknet – Eine Reise in die digitale Unterwelt“ (hier abrufbar) realisiert hat, präsentierte das Thema anschaulich und mit hilfreichen Praxis-Tipps bzgl. technischer Sicherheit und auch rechtlicher Absicherung – definitiv einer der besten Vorträge dieser Jahreskonferenz.

Social Media im Superwahljahr

Das nächste Thema war eins, dessen Bedeutung wir uns spätestens seit dem Wahlsieg Donald Trumps im vergangenen Jahr bewusst geworden sind. Social Media / soziale Netzwerke stellen heutzutage (leider) einen wichtigen Bereich der Informationsgewinnung für viele Menschen dar und das bedeutet für Parteien natürlich auch, dass sie dort ihre Zielgruppe ansprechen und für sich gewinnen müssen.

Extra 3

Ich bin großer Fan von Satire, sei es Böhmermann, heuteshow, Anstalt oder aber natürlich auch extra3. Da ich ja selbst ein Nordlicht bin, finde ich insbesondere deren ‚regionale‘ Beiträge super! Klar also, dass ich am nächsten Panel teilnehmen musste und von dort vor allem eine wichtige Botschaft mitnahm:  Wichtiger als das „Wie“ ist bei Satire das „Warum“. Es geht nicht darum, wochenlang über die einzelnen Bestandteile eines Gedichtes von Böhmermann zu diskutieren, sondern über das, was hinter dem Gedicht steht.

Design Thinking

Zum Abschluss des ersten Tages besuchte ich noch einen praktischen Workshop zum Thema Design Thinking im Journalismus. Ich war mit Design Thinking sowohl in Barcelona als auch in Workshops in Hamburg schon in Kontakt gekommen, aber da handelte es sich meistens um Produktinnovationen insgesamt, sodass ich gespannt war, wie die Spezialisierung auf Journalismus aussehen könnte. In Partnerarbeit entwickelten wir in kurzen Gesprächsrunden einen Ansatz unserem Sitznachbar die Berichterstattung zur Bundestagswahl näher zu bringen und nach etwa einer Stunde hatten wir alle einen konkreten Lösungsansatz, den wir präsentieren konnten. Abgerundet wurde das Ganze mit ein paar Informationen und Tipps zu Design Thinking und danach ging es dann etwas müde aber sehr inspiriert nach Hause.

Samstag

Samstag startete für viele nach wenig Schlaf und mit noch mehr Kaffee als am ersten Tag  um 10.15. Eröffnet wurden die Vorträge diesmal durch den Intendanten des NDR Lutz Marmor, der das Netzwerk Recherche lobte und seine Freude darüber kundtat, dass Jahr für Jahr so viele an dieser Jahreskonferenz teilnehmen würden. Besonders im Gedächtnis blieb mir folgendes Zitat:

Das meistdiskutierteste Panel

Direkt danach hieß es „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, denn wer sich schon zur Eröffnungsveranstaltung einen guten Platz gesichert hatte, der wurde jetzt belohnt. Der Raum platzte fast aus seinen Nähten, als das, im Vorfeld viel diskutierte, Panel mit Alexander Gauland stattfand. Das Netzwerk Recherche sagte selbst im Vorfeld, dass es viel Kritik gehagelt hätte, dass ihnen gesagt worden sei, dem Populismus doch nicht so eine Bühne zu bieten – und dennoch hätten sie sich bewusst dafür entschieden, dieses Panel stattfinden zu lassen.

Meiner Meinung war das eine ganz richtige Entscheidung. Stefan Weigel moderierte sehr sachlich und neutral und auch die Diskussion insgesamt war das, was guten Journalismus ausmacht. Kritisch, hinterfragend, aber nicht plump beleidigend oder beurteilend. Großen Respekt an tatsächlich alle auf der Bühne sitzenden, denn auch wenn ich mit so vielen Aussagen von Herrn Gauland auf keinen Fall übereinstimmen kann, war diese Diskussion wichtig und richtig, um zu verstehen, was in diesem Menschen und seiner Partei vorgehen mag. Dass der Ausschluss von Presse und die teils demütigenden Äußerungen Journalisten gegenüber so nicht toleriert werden kann, das steht außer Frage und ich bin mir sicher, dass der richtige Weg ist, sich dem gegenüber zu stellen, klar in den Aussagen und sachlich im Ton. Kritisch, aber auch immer selbstreflektiert. Und damit denen überlegen, die plumpe Schikane als ihren Weg wählen.

Im Visier der Meute: Jörg Kachelmann

Eine Reihe der #nr17 stand unter dem Begriff ‚Im Visier der Meute‘ und setzte sich mit den Menschen auseinander, die durch Berichterstattung der Medien meist unfreiwillig in den Mittelpunkt gerückt worden waren. Unter anderem deshalb auf der Bühne: der ehemalige Fernsehmoderator Jörg Kachelmann. Der Kachelmann-Prozess erregte größere Aufmerksamkeit 2010 und 2011 und wenn ich ehrlich bin, habe ich mit meinen 13 Jahren damals noch nicht allzu viel davon mitbekommen, eine kurze Recherche ging dem Panel also voran. Kachelmann saß im Gespräch mit Sarah Tacke auf der Bühne, riss Witze und wirkte, als habe er das alles größtenteils hinter sich gelassen. Mit einem Freispruch erster Klasse, den er sich hart erkämpfen musste, schien es so, als habe der Mann abgeschlossen, seinen Frieden gefunden, sofern dies, die Situation betrachtend, möglich sei. Bis zu dem Moment, als Kachelmann, abbrach, nicht mehr weiterreden konnte und ich meine eine Träne im Augenwinkel gesehen zu haben. Moderatorin Sarah Tacke überspielte den Moment und im Publikum war deutlich zu merken, wie einige schluckten und realisierten, dass auf der Bühne ein Mann saß, der zeitweise nicht mehr wusste, wie sein Leben so weitergehen sollte. Der für die Lüge einer anderen Person bestraft und von vielen Medien geächtet wurde. Schlussendlich appellierte Kachelmann an die jungen Nachwuchsjournalisten, zu recherchieren, nicht dem Druck der schnellen Presse nachzugeben und kritisch zu hinterfragen, was berichtet wird.

Zwischen Paranoia und Realität : Zur Überwachung von Journalisten

Wieder ein Vortrag von Daniel Moßbrucker, den ich allein schon wegen seines Praxiswertes nur loben kann. Gemeinsam mit Ulf Buermeyer, vielleicht dem ein oder anderen für seinen Podcast „Lage der Nation“ bekannt, wurde über die Überwachung von Journalisten referiert. Ein Thema, das wegen seines Ausmaßes schon auf den Bereich Deutschland beschränkt werden musste und trotzdem eine Fülle an Informationen bot. Wie genau die staatliche Überwachung in Deutschland funktioniert und dass auch dort vieles ungesehen ablaufen kann, war zumindest mir nicht bewusst. 5 Vier Praxis-Tipps, die schnell zu beherzigen sind.

  1. Auf klassische Kommunikation verzichten: Telefon, SMS, wer nicht möchte, das mitgehört wird, der verzichtet auf beides.
  2. Verschlüsselte Kommunikation übers Internet: Daten und Informationen nur verschlüsselt austauschen z.B. über PGP oder Threema, im Zweifelsfall sind aber auch die appleinternen iMessage Nachrichten zumindest ein bisschen besser geschützt als SMS. Metadaten wie Sender und Empfänger werden übrigens trotzdem meistens gespeichert – da helfen dann nur Dienste wie Signal, die wirklich ausschließlich das letzte Öffnen der App speichern und sonst nichts.
  3. Niemals auf Links in SMS klicken und somit einem Trojaner Zugriff auf das System erlauben – eigentlich uns allen klar, dennoch passiert es oft, dass man nicht nachdenkt und vorschnell einen Link öffnet, daher Vorsicht!
  4. Update your Software – einigen WordPress-Usern wurde das im letzten Jahr sehr unschön klargemacht, als sich Links zu ziemlich unseriösen Seiten in von ihnen verfassten Blogposts einschlichen. Um auch ausspionierende Viren, die sich in Sicherheitslücken einschleusen können, zu umgehen, ist der regelmäßige Blick auf den Status seiner Geräte-Software Pflicht.

Deutschland einig Globulin Land?!

Wenn es einen Vortrag gab, bei dem sich die Referenten nicht hätten uneiniger sein können, dann dieser. Ein Raum voller Journalisten und Medizinern und die Diskussionsfrage, ob Homöopathische Mittel hilfreich oder Humbug seien und daher nicht von den Krankenkassen erstattet werden sollten. Mir persönlich sehr im Gedächtnis blieb die Referentin Natalie Grams, die selbst jahrelang eine eigene homöopathische Praxis führte, auf der Suche nach Beweismitteln für ihr Buch aber feststellte, dass sie hinter diesem Ansatz nicht mehr stehen konnte. Mittlerweile gilt Grams als die wohl härteste Homöopathie-Kritikerin und vertrat damit ca. 95 Prozent der Anwesenden im Raum. Während dieser Stunde wurde klar, dass es bei dem Thema keine Zwischenmeinung zu geben scheint – was sich auch in der Lautstärke der Diskussion widerspiegelte. FunFact: Kaum einer meiner Tweets wurde so oft gefaved, retweeted oder kommentiert, wie der aus diesem Panel.

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Geschichten aus dem Journalismus, drei Generationen erzählen

Das letzte Panel, das ich Samstag besuchte, war insbesondere deswegen spannend, weil dort sehr unterschiedliche Menschen erzählten, was sie am Journalismus fasziniert und weshalb sie diesen Beruf ergriffen haben. Jeder hat seine eigene Geschichte und wenn ich von Menschen höre, die Journalismus in ihrem eigenen Land nur unter falschem Namen betreiben können, dann macht mich das nach wie vor fassungslos. Pressefreiheit sollte überall ein Grundrecht sein und dass dies bis heute nicht der Fall ist, bedeutet, dass wir weiterhin dafür kämpfen und uns stark machen müssen!

Das war’s „auch schon“, ich bin auf jeden Fall nächstes Jahr wieder dabei und bedanke mich für das tolle Programm, die fantastische Organisation, die offenen Menschen, die anregenden Gespräche und die glänzenden Augen, mit denen ich beide Tage nach Hause ging. 

1 comment on “LEIDEN SCHAFFT RECHERCHE / DIE #NR17

  1. Ein sehr sehr interessanter Blogpost!
    Liebe Grüße,
    https://soulstories-amandalea.blogspot.de

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