Die Wahlen in der Türkei sind gestern zu Ende gegangen. Mit dem Ergebnis, dass nun ein Mann nahezu uneingeschränkte Macht hat, dem die freie, unzensierte Presse ein Fremdbegriff ist. 51,4 % haben für die Einführung des unkontrollierten Präsidialsystems gestimmt und nicht wenige Quellen berichten von Ungereimtheiten zu Lasten der Opposition und Ja-Gegnern.  Das Land, das nicht selten in der Kritik wegen menschenverachtender Umstände stand, hat einen Wahlkampf geführt, der so keine Chancengleichheit schafft, in welchem es schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist, offen für seine Nicht-Regierungsnahe-Meinung zu stehen, zumindest, wenn man Gefängnis gerne vermeiden möchte. 

Stimme haben – was heißt das 2017? Was heißt es für mich und was heißt es vielleicht für eine junge Türkin heute? Und was bringt das für Konsequenzen, was für Verantwortung mit sich? Jeder Mensch soll in der Lage sein, seine freie Meinung zu äußern, sie mit Argumenten zu begründen und für sie zu stimmen.

Nur erfordert das auf der einen Seite einen fairen, ausgeglichenen Wahlkampf. Einen, in dem jedem die Chance gegeben wird, geheim und ohne politischen sowie gesellschaftlichen Druck abzustimmen. Wir brauchen eine Wahl, die nicht von vornherein feststeht, die nicht Gefängnisstrafe als möglichen Ausgang bei Widersetzen gegen eine Partei mit sich bringt. Es muss eine Wahl sein, die sich neutral und ehrlich mit aktuellen Geschehnissen auseinander setzt – ja, ich bin mir bewusst, dass es sich hierbei um einen Wettkampf handelt – und dass Wahlversprechen nie zu 100% umgesetzt werden (können). Und dennoch kann ein politischer Wahlkampf keine Schlammschlacht, kein persönliches Tauziehen sein. Ein Wahlkampf kann keine kleinen Ungereimtheiten wie eigentlich ungültige Stimmen tolerieren. Bei einer Wahl diesen Ausmaßes geht es um ein Land. Dessen politische Ausrichtung. Seine Menschen und deren Chancen auf Ausbildung, eine Zukunft und persönliche Freiheit. Das ist kein Spaß – sondern bitterer Ernst. Erst Recht, wenn Entscheidungen getroffen bevor Meinungen gebildet sind.

Und auf der anderen Seite zieht dieses Stimme haben auch uns zur Verantwortung. Unsere Stimme, die wir hier geheim abgeben dürfen und müssen. Die nicht davon abhängig sein darf, welchen Namen wir auf dem Wahlzettel besonders lustig finden oder was der Wahl-O-Mat uns vorschlägt. Unsere Stimme dürfen wir nicht mit Füßen treten, indem wir sie verstummen lassen. Und wir dürfen sie nicht unwichtig werden lassen, in dem wir uns blind von Prahlereien und haltlosen Versprechungen auf etwas einlassen. Wir müssen kritisch abwiegen, müssen kritisieren, wo anderen genau dieses Recht genommen wird. Müssen uns mit dieser „langweiligen, altbackenen Politik“ mal ein wenig genauer auseinandersetzen anstatt nur schnell den nächsten Einkaufszettel auf die Rückseite der Wahlpost zu kritzeln. Und wir müssen unsere Stimme nutzen und andere Menschen dazu auffordern, dies ebenfalls zu tun.

Das Wahlergebnis in der Türkei erschüttert mich zutiefst – und ich mag mir nicht vorstellen, wie ich mich fühlen würde, wenn man mir genau dieses Recht auf eine eigene Stimme auf mein eigenes Leben genommen hätte. Alles was ich weiß, ist, dass ich genau für diese Stimme kämpfen will und werde – und dass ich auch weiterhin Menschen ermutigen muss, sich ebenfalls dafür einzusetzen. 

– nur ein paar kurze Gedanken meinerseits zu den aktuellen Geschehnissen, notiert noch vor dem ersten Kaffee.

Weiterführende Artikel: 

  1. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-referendum-abkehr-von-atatuerk-a-1143542.html
  2. http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-04/tuerkei-referendum-wahlbeobachter-oppositionspartei-hdp-chp-abfuehrung
  3. http://www.sueddeutsche.de/politik/referendum-in-der-tuerkei-ein-land-das-mit-sich-ringt-1.3465880

3 comments on “Stimme haben.

  1. Hi liebe Linn,
    erstmal großes Kompliment zu deinem tollen Blog, ich verfolge ihn jetzt schon länger via Newsletter, aber da ich hauptsächlich über bloglovin meinen Lieblingsblogs folge, habe ich mich besonders gefreut als ich gesehen habe dass du bloglovin auch eingerichtet hast. 🙂
    Dann zu deinem Artikel: Ja, da kann ich dir nur zustimmen, für mich ist es auch immer wieder erschreckend zu sehen, wie achtlos mit dem Stimmrecht umgegangen wird. Viel erschreckender, als die Stimmabgabe in der Türkei, sind in meinen Augen die Wahlergebnisse türkischer Bürger im (west-)europäischen Ausland. Wie kann das etwa sein, dass jahrelang in Österreich/Deutschland niedergelassene türkische Wahlberechtigte mit 73% respektive 64% für ein Präsidialsystem in einer Heimat, in der sie nicht einmal mehr dauerhaft leben, stimmen?
    Und naja, zynisch gesagt, angesichts der riesigen Propandamaschinerie unter Erdogan hätte es auch nicht verwundert, wäre das Wahlergebnis noch eindeutiger gewesen. Somit war immer noch die Hälfte der Türken nicht dazu bereit, die Demokratie für einen Alleinherrscher aufzugeben, was unterstützenswert und trotz allem hervorzuheben ist.

    Alles Liebe,
    Liz. http://lizinview.blogspot.co.at/

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    • Liebe Liz,
      vielen vielen Dank für deine Worte, ich hab mich unheimlich gefreut! Kann dir auch im Bezug auf deine Meinung nur zustimmen, sehe das sehr ähnlich und frage mich, wo das alles hinführen soll…
      Ganz liebe Grüße aus Barcelona!

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  2. Grüß dich Linn
    Ob nun vor oder nach dem Kaffee,es bleibt erschreckend was Menschen aus Angst oder Unwissenheit so alles machen.Manchmal oder des öfteren muss man erkennen, das Menschen nicht viel aus der Geschichte lernen.Ob nun die Türkei oder wo auch immer in dieser Welt,steht einer da und schwingt große Reden, sind die Zustimmer nicht weit entfernt.Ich werde wohl nie verstehen, wie man sich selbst aus freien Stücken, der Freiheit berauben möchte.

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