Personal & Opinion Personal & Writings

Ich hab die Unverbindlichkeit satt.

Was, wenn noch eine bessere Option auf mich wartet? Was, wenn das noch nicht das höchste Gebot war? Was, wenn ich zu früh zuschlage und mir damit etwas viel besseres entgeht? – Diese Sätze hört man in abgewandelter Form ziemlich oft, wenn man sich mit jemandem in meinem Alter unterhält. Dabei sind die wenigsten von uns an der Börse tätig und müssen Optionen und Einsatz täglich abwägen. Vielmehr scheinen diese Gedanken uns zu hemmen, wirklich Entscheidungen zu treffen. Uns dem Risiko auszusetzen, auch die falsche getroffen zu haben.

Wir schreiben uns Generation Beziehungsunfähig in die Bio – doch vielleicht vertuschen wir damit nur vielmehr die Tatsache, dass wir Angst vor der Entscheidung haben – Angst vor den Konsequenzen. Dass der Partner vielleicht nicht perfekt sein könnte, nicht dem Konkurrenzdruck, der allein aus uns selbst entsteht, standhalten könnte. Unsere Gedanken sind damit vernebelt, es könnte noch jemand kommen, der sei liebenswerter, attraktiver, bevorzugenswerter. Also rennen wir, im Hinterkopf die andauernde Selbstoptimierung, durch die Gegend und wehren uns, sobald eine mögliche Entscheidung in Sicht ist, heftig gegen diese. Wir haben (zumindest sagt man es so) jedwede nur erdenkliche Freiheit und doch scheinen uns die vielen Möglichkeiten zu ersticken, unser Handeln zu hemmen. Wer findet sich schon zurecht in diesem Dschungel? Hat man sich einmal für eine Richtung entschieden, steht an der nächsten Kreuzung ein Pfeil in die andere.  Wer nicht dauerhaft nach dem Optimum strebt, mit dem scheint was falsch zu sein. Der weiß doch nichts mit seinem Leben anzufangen, der wird es nie zu etwas bringen. Nur ist es wirklich klüger, sein Leben lang von Kreuzung zu Kreuzung zu rennen, nie anzukommen weil der Vorrat an Optionen nicht erschöpft ist?

Ich bin die ewige Unverbindlichkeit leid. Ich will wissen, ob jemand die Verabredung mit mir einhält oder ob er mich nur für den Moment für eine gute Option hält – die, sofern eine bessere erscheint, auch schnell fallengelassen wird. Es verunsichert mich, dass Entscheidungen bis zum maximalen Punkt hinausgezögert werden – und manchmal auch über diesen. Ich würde mich gerne selbst für Situationen schimpfen, in denen ich mich nicht zu einer klaren Position bekennen konnte. In denen ich an Kreuzungen umhergeirrt, weil ich mir nicht eingestehen wollte, dass ich bereits angekommen bin. Und dass ich auch das Risiko eingehen muss, dass dieser Platz vielleicht nicht immer der Richtige für mich ist. Und dann habe wohl doch nicht das Optimum gefunden, hab vielleicht an einem Platz verweilt, bin an der Kreuzung nicht umgekehrt. Aber dann habe ich auch aus der Entscheidung gelernt, war vielleicht glücklich, vielleicht traurig. Vielleicht frage ich mich auch später, ob ich an der Kreuzung hätte umdrehen sollen, aber dann hab ich mich immerhin entschieden.

Zu diesem Zeitpunkt war meine getroffene Entscheidung die beste, die zur Auswahl stand. Auch weil ich mir damit nicht die Kontrolle hab nehmen lassen, mich selbst entscheiden zu dürfen.  Diese vielleicht mit Risiko verbundene Freiheit dennoch als Freiheit angenommen habe und meinen Weg gegangen bin. Und dabei vermutlich feststellte, dass aller Selbstoptimierung zum Trotz die Perfektion aus vielen kleinen Momenten besteht und nie auf einen Schlag als solche zu erkennen ist.

 

Edit: Ich hab gerade noch zwei weitere Artikel gefunden, die das Thema, wenn auch nur auf Beziehungen bezogen, ebenfalls interessant betrachten, wer mag, klickt hier und hier 

3 comments on “Ich hab die Unverbindlichkeit satt.

  1. Ich komme im Moment zu furchtbar wenig zum Schreiben. Und dann hat mein Compi zuletzt einen ziemlich ausführlichen Kommentar, den ich an dieser Stelle geschrieben hatte, einfach „verschluckt“ – ich war so wütend darüber, dass ich die Kiste augenblicklich ruintergefahren habe …

    Im Mindesten möchte ich Dir aber, wenn nun auch arg verspätet sagen, dass mir Dein Eintrag wirklich sehr gefallen hat. Schon, dass Du „Verbindlichkeit“ im Umgang, in den Beziehungen zwischen Menschen überhaupt thematisiert hast. – Ich nehme es so wahr, dass selbst das, heute schon Courage erfordert, denn man spricht damit etwas an, was letztlich Persönliches betrifft. – Und so etwas öffentlich zu thematisieren, das Angebot zu machen, darüber ins Gespräch zu kommen, was ja „zwangsläufig“ ein Stückchen Offenbarung bzw. Offenlegung des eigenen Persönlichen erfordert, das finde ich ebenso mutig wie wichtig.

    Das beständige Streben nach der besten Option, das uns so allgegenwärtig eingehämmert wird, gaukelt nur vor, das Du oder ich oder eigentlich jeder irgendwann, das Absolute erreichen könnte. Keine Lüge ist größer als diese, aber so viele Menschen folgen ihr. Sie ist wie ein Opium, ein ganz furchtbares, weil es zerstört: Zwischenmenschlichkeit, tragfähige Beziehungen, Vertrauen und Verlässlichkeit, ja auch gegenseitige Rücksicht und Respekt.

    Ich meinerseits gestehe: menschen, die staändig nach Optimierung, Optimalem, der besten Option streben, die sind mir suspekt, weil sie Perfektion wollen und dem Perfektionismus das Wort reden bzw. gar entsprechend leben.

    Verbindlichkeit in den eigentlich menschlichen Dingen und damit Besinnung auf das, was uns als MENSCHEN LEBEN lässt – das ist ein größer, ein schöner, ein wunderbarer Anspruch.

    Ich grartuliere Dir dazu, dass Du Dich nach diesem Anspruch sehnst, dass Du ihm folgen möchtest, dass Du ihn gern zu (D) einer Lebensmaxime machen willst.

    Aufrichtig ganz freundliche und liebe Grüße an Dich, Linn!

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  2. Wenn wir ständig fallen, taumeln und ohne Sicherheiten und Verbindlichkeiten leben. Können wir darin nicht eine ganz eigene Form von Beständigkeit finden?

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    • Interessanter Ansatz, an den ich so noch nicht gedacht habe! Da kann ich natürlich nur für meinen Teil sprechen, aber ich persönlich stimme der Maslow’schen Bedürfnispyramide zu und glaube, dass eine Weiterentwicklung nur möglich ist, wenn das Sicherheitsbedürfnis gedeckt wurde.
      Liebe Grüße an dich!

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