Personal & Opinion

Bitte streite mit mir!

Ich streite gerne. Wow, was ein erster Satz in einem Blogpost. Aber ich streite tatsächlich gerne. Vorausgesetzt, es handelt sich nicht um einen tränen- und emotional angereicherten Streit, nach dem man sich nicht mehr in die Augen blicken kann. Ich rede von einem Streit über einen Vorgang, eine Ansicht, ein Ereignis. Einen Streit, in dem man argumentiert, diskutiert, mit Leidenschaft für die eigene Meinung, versucht den Gegenspieler zu überzeugen. Einen Streit, bei dem beide Parteien am Ende herausgehen, ihr bestes gegeben haben und bei dem man auf moralisches unter die Gürtellinie treten Gott sei Dank verzichten konnte. Und ja, diese Streitkultur fehlt mir heutzutage manchmal. 

Nennen wir das Kind beim Namen: Ich finde Ja-Sager ätzend. Resultierend aus der festen Überzeugung, dass man nun einmal nicht 100% der gleichen Meinung sein kann, denke ich bei Ihnen immer, dass sie nicht ehrlich mit mir sind. Oder noch schlimmer: Dass sie Angst haben, zu ihrer eigenen Meinung zu stehen. Wer hat mir denn die Garantie gegeben, dass ich die Weisheit mit Löffeln gefressen habe? Niemand. Und trotzdem verteidige ich meine Meinung und das gerne temperamentvoll. Aber ich habe nichts davon, wenn mir jemand nickend und lächelnd zustimmt, nur um in einem unbemerkten Moment dann jemandem zu erzählen, wie furchtbar er mich und meine Ansichten eigentlich wirklich findet. Sag es mir ins Gesicht – und wir diskutieren darüber! Wie wollen wir etwas verändern, wenn wir uns nicht einmal hinstellen und über die einfachsten Sachverhalte vernünftig und erwachsen streiten können? Und nur um das noch einmal in Erinnerung zu rufen: Ich rede hier von einem Streit, in dem mindestens zwei klare Regeln gelten sollten:

  1. Niemals, niemals, niemals den wunden Punkt eines anderen absichtlich treffen. Ich weiß, man ist vielleicht im Eifer des Gefechts wirklich unfassbar wütend und weiß genau, womit man den anderen verletzen könnte, aber nein: in einem fairen Streit gelten Genfer Konventionen. Oder im Zweifelsfall auch einfach: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.
  2. Religionen und Kulturen sind unterschiedlich. Und über diese lässt sich rational kaum streiten. Weil hierbei keine sachlichen Vor-und Nachteile ausschlaggebend sind, sondern teils tief verankerte Glauben und Ideen. Und die gilt es, so schwer es einem auch fallen mag, zu akzeptieren. (Kleine Anmerkung am Rande: Jeder Glaube und jede Vorstellung der Welt darf meiner Meinung nach nur so weit ausgelebt werden, dass dabei kein anderer zu Schaden kommt)

Wenn man diese zwei Grundsätze verinnerlicht, dann steht mAn einem lehrreichen, interessanten Streit nichts mehr im Wege. Lehrreich deshalb, weil das Gewinnen eines Streits nicht erreicht wird, indem man böse Worte durch die Gegend brüllt. Was gerade noch so im Kindergarten funktioniert hat, wird einem als Erwachsener als cholerisch oder zickig zugeschrieben. Wer einen guten Streit bestreiten will, der muss seine Hausaufgaben machen. Sich informieren, die eigene Meinung überprüfen und bereit sein, auch auf spontane, unerwartete Kommentare einzugehen. Und natürlich im Zweifelsfall auch am Ende zu akzeptieren, dass das Gegenüber kein Mensch mit zu blühender Fantasie sondern ein kluger Kopf mit einer innovativen Idee war. Und auch für Zuschauende ist ein Streit lehrreich – denn kaum trennt sich die Spreu schneller vom Weizen, wie wenn eine der Parteien auf einmal zu Ausfällen und privaten Sticheleien tendiert.

Doch warum streiten wir Menschen trotz all dieser Vorteile dann so wenig? Ist es die Angst, dass uns unser Gegenüber weniger lieb haben könnte (Come on). Sind wir zu faul oder zu schüchtern unsere Meinung zu verteidigen und verstecken uns deshalb lieber hinter unseren Vorrednern?  Warum? Warum nehmen wir uns selbst die Chance, vielleicht die bessere Idee zu haben – und diese umsetzen zu können?

Lasst uns streiten, diskutieren und unterschiedlicher Meinung sein. Aber lasst uns auch im Streit fair genug sein, dass keiner mehr Angst davor hat, seine Ansichten zu vertreten und für diese zu kämpfen. Denn, so pathos-triefend das jetzt klingen mag, vielleicht ist genau eine dieser Ansichten eine Erkenntnis zu der wir alle kommen sollten.

 

©Danke an Rebecca für das Bild! 

3 comments on “Bitte streite mit mir!

  1. Warum Menschen heute weniger streiten? –

    Die Sorge verletzt zu werden oder auch selbst zu verletzen (je nach Mensch), ist größer geworden weil eine StreitKULTUR heute sehr allgegenwärtig eines der fremdesten Fremdwörter geworden zu sein scheint. – Es wird so wenig einander zugehört, und es wird generell zu wenig miteinander gesprochen (mal abgesehen von wirklichen Belanglosigkeiten.)

    Das Bestreben überlegen zu sein, überlegen sein zu müssen, zu gewinnen, ist zu einem viel zu hohen Credo geworden. Erfolgreich sind die „Winner“! Die anderen sind die Loser. – Ich streite nicht, um zu gewinnen. Ich streite, um zu erfahren, bereichert zu werden, zu argumentieren, zu überzeugen und überzeugt zu werden. Ich streite, weil ich Austausch liebe, Austausch, der mich und mein gegenüber befördert. Ich streite, um Orientierung zu finden. Ein Streit, der „unentschieden“ endet opder der schon den Keim einer Fortsetzung des Gesprächs in sich trägt ist für mich oft der Schönste.

    Viele Fragen, Probleme, Geschehnisse, Beziehungen sind heutzutage derart komplex geworden, dass es sehr schwer ist, auf dem Laufenden zu sein,wirklich auf Basis allseitigen und fundierten Wissens streiten zu können. Ich beobachte an mir, dass ich mich deshalb mitunter weniger traue zu streiten als früher.

    Und dann ist da so eine generelle Sattheit, Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit und manchmal auch Resignation.

    Andererseits gibt es heute so eine Vielfalt an Interessen, an Hobbies, an Stilrichtungen, an Denkweisen – ich bemerke immer öfter, dass ich zu vielem einfach nichts oder kaum etwas weiß. Und dann halte ich im Zweifel lieber einmal mehr meine Klappe …

    Zum Streiten gehört Empathie, gehören gegenseitiges Respektieren, Rücksicht, Geduld, im mIndesten Ehrlichkeit, wenn nicht Aufrichtigkeit. – Ist das alles nicht immer seltner geworden? Oder täusche ich mich da?

    *

    Deine beiden Streitregeln gefallen mir. – Ich glaube, Du wärst eine tolle, sehr interessante Gesprächspartnerin.

    Liebe Grüße an Dich, Linn!

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  2. Ich glaube einiges hat mit Faulheit zu tun. Man will seine Kraft und seinen Atem nicht daran verschwenden. Dann ist ein weiterer Aspekt auch tatsächlich die Angst, von dem Gegenüber weniger gemocht zu werden…

    xx, rebecca
    awayinparadise.blogspot.de

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  3. Pingback: 2016 auf LINNMAIRA – LINNMAIRA

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