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Work it on your own | Gender Discussion

Es gibt diesen einen Song, bei dem ich sofort einen sehr genervten Gesichtsausdruck bekomme. Bei dem alle anderen anfangen zu tanzen und bei dem ich eigentlich gerne eine Bühne stürmen und die Leute fragen wollen würde, ob das ihr Gott verdammter Ernst sei.Die Rede ist nicht von Gangnam-Style, Justin Biebers Baby oder einem anderen Song der die letzten Jahre wahlweise durch Choreografie oder monotonen Refrain die Charts geprägt und das ein oder andere Musiköhrchen belästigt hat. Den eigentlich geht es auch gar nicht so sehr um die Melodie – sondern um den Text. Die Rede ist von „Work from Home“, einem erfolgreichen Clublied der Girlgroup Fifth Harmony.

Denn wer abseits des eingängigen Beats mal auf den Text lauscht, der wird sich zu Recht einige Fragen stellen:

1. Leidet der/die Songtexterin unter einer dependeten Persönlichkeitsstörung?

2. Wieso hört sich der komplette Text nach einer Aufforderung auf, in Sachen Emanzipation bitte einmal schnurstracks rückwärts zu laufen?

3. Und wieso singt das eine Band, bestehend aus 5 FRAUEN im Jahr 2016?

Um den, sich jetzt gerade wundernden, Leser abzuholen – ein paar frei auf deutsch übersetze Zeilen aus dem Song: „Ich sitze hier, schön und ungeduldig, ich sende dir ein paar nette Bildchen, sodass du gefeuert wirst. Ich weiß, dass du eigentlich immer nachts arbeiten musst, aber hey, ich kann doch nicht nachts allein sein. Aber nein, Baby, du musst nichts erklären, du bist der Boss zuhause.“  Ich nehme an, dass sich jeder, zumindest teilweise emanzipierten, Frau der Magen bei diesen Zeilen umgedreht hat.Und mir geht’s genauso.

Versteht mich nicht falsch. Wenn man sich in einer Partnerschaft dafür entscheidet, dass, gemäß dem klassischen Rollenverhältnis, der Mann der Versorger ist, dann ist das definitiv in Ordnung. Angesichts der Tatsache, dass Männer auch in der bereinigten Gender Pay Gap, also dem direkten Vergleich, 8% mehr verdienen, eine nachvollziehbare Entscheidung. Allerdings wird diese dann auf Augenhöhe getroffen und degradiert eine Frau nicht in der Form, wie es der Song tut.

Glaubt man diesem, dann bestehen die Kernkompetenzen einer Frau hauptsächlich daraus, hübsch in der Ecke zu sitzen, „super hotte“ Bilder von sich zu verschicken und sich lasziv in den Laken zu räkeln. Herzlichen Dank auch! Denn was brauche ich auch erwähnen, dass Frauen in der Regel die besseren Studienabschlüsse machen, wenn ich auch inbrünstig grölen kann, dass „ich das Bett in einen Ozean verwandeln kann“.

Dass das Lied ausschließlich von Männern geschrieben wurde, könnte man jetzt schon fast erwartet haben – dass es von einer Girlgroup gesungen und von unheimlich vielen Frauen gefeiert wird, eher nicht. Tatsächlich ist die einzige kritische Diskussion, ob die 5 Sängerinnen zu leicht bekleidet auftreten.

Das größte Problem, dass mit diesem Titel habe, ist, dass er Frauen nicht unterstützt, sondern klein macht. Dass er all denjenigen, die sich mit dem klassischen Rollenbild nicht identifizieren können, den Mut nimmt, arbeiten zu gehen, selbstständig zu sein. Würde das Lied aus der anderen Perspektive singen, also, dass der Mann zuhause bleibt und rumnörgelt, alle würden Emanzen rufen oder vielleicht behaupten, der Mann sei klug, weil er die Frau die Arbeit machen ließe. Stattdessen aber stellt man die Frau als naives Dummchen dar, das keine Ahnung davon hat, dass man für sein Leben evtl. arbeiten muss und sich nicht nur den ganzen Tag vergnügen kann. Und mal ganz ehrlich, lediglich ein Bruchteil verdient als Mann so gut, dass er seiner Frau 24/7 „Celine Taschen und Autos“ kaufen kann.

Die Zielgruppe der Musik von Fifth Harmony sind junge Leute. Junge Leute, die vielleicht noch nicht wissen, was sie in ihrem Leben wollen und wo sie hingehören. Denen aber eingetrichtert wird, es sei ihre Aufgabe schön und sexy zu sein. Aber bitte auch nicht mehr. Bloß keine Selbstständigkeit, die einen unabhängig von Mann, Eltern oder Gesellschaft machen würde.  Es macht mich fast schon fassungslos, dass wir, die wir in unserem Land und unserer Kultur als Frau so viele Möglichkeiten haben, ein Lied abfeiern indem es genauso gut um Frauen gehen könnte, die all diese Optionen nicht haben. Nur dass diese Frauen nicht zuhause untergeordnet sind, weil sie so gerne nette Bildchen von sich verschicken wollen und arbeitsfaul sind, sondern weil sie in ihrem Land nichts arbeiten gehen dürfen. Und dass nie jemand auf die Idee käme, den Alleinverdiener so von der Arbeit abzulenken, dass er gefeuert werden würde.

Für all diese Frauen wäre Arbeiten und Bildung ein Privileg – ein Privileg, dass wir mit Füßen treten, wenn wir solche Texte singen. Ich bin der festen Überzeugung, dass so manchem Betrieb eine gut ausgebildete, qualifizierte Frau gut tun würde – nur müssen wir Frauen fördern, anstatt sie klein zu reden. Wie soll sich ein Weltbild respektive eine Einstellung Frauen gegenüber ändern, wenn Frauen selbst sie immer wieder bestärken? Gar nicht.

Frauen sind mehr als hübsche Marionetten. Und in einer Welt, in der jede Idee und jede helfende Hand gebraucht wird, müssen sie unterstützt werden, ihren eigenen, selbstbestimmten Weg zu gehen. Sich von keiner Rolle, keiner gesellschaftlichen Konvention auf diesem Weg beeinflussen zu lassen. Und erst recht nicht von einem Song, dessen Refrain man auch noch mit 3,0 Promille vertonen kann.

Wer sich jetzt nach Lesen des Textes gefragt hat, ob ich mich immer so über Liedtexte aufrege und ob ich mich da nicht ein bisschen hineinsteigere, dem sei als Antwort dagelassen: Es geht ums gottverdammte Prinzip.

Alles Liebe,

Linn

5 comments on “Work it on your own | Gender Discussion

  1. Hey Linn! Ich bin durch deinen Kommentar auf deinen tollen Blog gekommen 🙂 Du reißt wirklich spannende Themen an, die ich so nur unterschreiben kann (nicht nur in diesem Beitrag, sondern ich in anderen). Danke, dass du bei mir kommentiert hast und ich deinen Blog so entdecken konnte!
    Zum Thema selbst: Ich bin auch fast vom Stuhl gekippt, als ich den Text gehört habe. Warum so emanzipiert? Warum so fortschrittlich? Das das Lied ein Witz ist, steht außer Frage. Aber wenn der Beat passt, kann man auch ne Pille in Ibiza nehmen oder Frauen als Bitch bezeichnen. Alles easy going.

    Liebe Grüße,
    Vita

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    • Hey liebe Vita,
      vielen Dank für die Komplimente und die lieben Worte! Passende Songtexte als Vergleich haha, vermutlich dürfte man wohl kaum noch ein Lied wirklich ernsten Gewissens singen, wenn man auf den Text achten würde 😀

      Alles Liebe,
      Linn

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