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Die Komplexität der „korrekten“ Berichterstattung

Die Ereignisse in Nizza und der Türkei liegen noch keine 72 Stunden zurück. 72 Stunden in denen mehr als 300 Menschen gestorben sind und weitere 1500 verletzt wurden. 72 Stunden, in denen sich Menschen sorgten, Telefonnetze überlastet waren, Kommunikationen abbrachen. 72 Stunden, in denen viel diskutiert wurde und in denen sich die Ereignisse überschlugen.

Aber es waren auch 72 Stunden, in denen insbesondere bzgl. des Türkeiputsches die Stimmungen in den sozialen Netzwerken hochkochten. Den Menschen, die andere Menschen umbrachten gegenüber, aber auch den Medien. Ursache der Debatte war, dass keiner der großen deutschen Nachrichtensender direkt eine Sondersendung brachte, als bekannt wurde, dass das türkische Militär einen Aufstand begann. Sätze wie „Wofür zahl ich GEZ, wenn ihr mich eh nicht informiert“ und „Hauptsache ihr zieht schön euer Programm durch“, fielen mehr als einmal.

Krisenzeiten oder kritische Situationen stellen auch die Medien vor neue Herausforderungen. Zu schnell verbreiten sich Informationen über die sozialen Netzwerke. Durch „citizen journalism“ist ein Unglück schneller geteilt, als so manche Nachrichtenagentur es erfassen kann. Während in den Nachrichten-Apps noch BREAKING NEWS als einsame Überschriften ohne Text verweilen, gibt es schon sieben Hintergrunddiskussionen auf Twitter. Es scheint, als würden die sozialen Netzwerke in Punkto Informationen die klassischen Medien überholen.

Was dabei aber immer vergessen wird, ist, dass in sozialen Netzwerken nichts geprüft, nichts verifiziert, nichts durch Beweise gesichert ist. Dort kann posten wer will- und das tut auch so ziemlich jeder. Nur ist es die originäre Aufgabe eines Journalisten Informationen zu sammeln, zu prüfen und einzuordnen. Das kann in manchen Fällen Stunden, in anderen Wochen dauern. Und doch drängt der, durch soziale Netzwerke verursachte, Zeitdruck die Medien immer wieder zu Mutmaßungen. Dann liest man Sätze wie „Vermutlich ist XY, allen Anschein zufolge, evtl. unter XY Umständen“. Im schlechtesten Fall werden diese Mutmaßungen permanent um 180° revidiert, weil es neue Erkenntnisse gibt. Dabei wäre in Wirklichkeit so oft der Satz „Wir wissen bisher noch kaum etwas.“ angebracht.

Dass das in vielen Fällen auf Unverständnis stößt, wurde dieses Wochenende einmal mehr deutlich. Und sicherlich ist es zu einem gewissen Punkt verständlich, dass die Menschen in Sorge sind, dass sie möglichst schnell informiert werden wollen, ob vielleicht ihre Familie betroffen ist. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es jedem Journalisten, der sich in dieser Situation befände, ähnlich gehen würde. Nur muss man auf der anderen Seite einen Schritt von dem Geschehnis zurücktreten und sich fragen, ob es die schnellen, oft später revidierten Aussagen waren, die einem weitergeholfen haben. Auch sollte man sich bewusst sein, dass komplexe Zusammenhänge nicht innerhalb von 30 Minuten ge- und erklärt werden können.

Und somit landet die Frage nach der korrekten Berichterstattung bei einem selbst. Was erhofft man sich von seinen Medien? Sind es die schnellen Informationen, die bruchstückchenweise im Minutentakt online gehen?  Oder sind es die, die geprüft und neutral mit Zeitverzögerung aufbereitet wurden? Dass das fast schon einer Gretchenfrage gleicht, die insbesondere in Krisensituationen schwer zu beantworten ist, dessen bin ich mir bewusst. Nur sollte man bei aller (konstruktiven) Kritik dieses Dilemma im Hinterkopf behalten.

Ich kann und will diesen Text nicht beenden, ohne den Angehörigen der Opfer mein tiefstes Beileid auszusprechen. Ich bin wahnsinnig erschüttert darüber, dass so viele Menschen aus dem Leben gerissen wurden oder nun schwer verletzt in Krankenhäusern liegen. Kein Konflikt dieser Welt, sei er politisch oder religiös motiviert, sollte auch nur ein einziges Menschenleben kosten. 

3 comments on “Die Komplexität der „korrekten“ Berichterstattung

  1. Es hat mir wieder einmal sehr gut getan, bei Dir zu lesen, liebe Linn. – Du hast es toll auf den Punkt gebracht. –

    Ich meinerseits nehme sehr gern in Kauf, nicht gleich „Augenzeuge“ zu sein oder sein zu müssen, wenn etwas geschieht auf der Welt. Mir ist es viel wichtiger Hintergrundinformationen zu erhalten, allseitig, differenziert, gut recherchiert. – Nur so kann ich mir selbst eine halbwegs fundierte Meinung bilden und nur so ausgestattet habe ich das Recht (ja, so sehe ich das), mich in Diskussionen und Debatten einzumischen. Ich möchte das so konstruktiv wie möglich tun. Sonst macht es keinen Sinn. –

    Die sozialen Netzwerke sind Segen und Fluch. In so kritischen Situationen wie wir sie derzeit so vielfach erleben, halte ich sie eher für „Fluch“ als für Segen. – Menschen sind so leicht beeinflussbar, sind froh, möglichst einfache und „plausible“ Antworten zu bekommen. – Aber in unserer Welt, gibt es auf die komplexen Probleme keine einfachen Antworten (mehr). – Das mag schwer zu akzeptieren und auszuhalten sein, aber es ist so. – Wer das negiert, bewusst ausblendet, oder gar im gegenteiligen Sinne tätig ist, ist nicht mehr als entweder ziemlich naiv oder gar ein Populist oder Scharlatan.

    Wenn das überheblich klingt aus der Feder von einem, der der Vielzahl und Komplexität der Ereignisse selbst kaum noch zu folgen geschweige sie adäquat zu verarbeiten vermag, dann nehme ich das als Kritik gern an. – Vielleicht sollte auch ich gelegentlich einfach mal mehr meine Klappe halten. Aber das möchte ich dann auch für all die oberschlauen Schwätzer in den sozialen Netzwerken einfordern dürfen …

    Danke für Deinen sehr schön geschriebenen Beitrag!

    Viele ganz freundliche und liebe Sonntagsgrüße an Dich!

    Gefällt mir

    • Lieben Dank wieder einmal für deinen ausführlichen Kommentar! Ich sehe das ganz ähnlich wie du und finde die Unwahrheitenverbreitung schlimmer als die Tatsache, dass es vielleicht ein paar Stunden länger dauert, einen vernünftigen Bericht zu erstellen. Sicherlich ist keiner von uns glücklich darüber, dass die Dinge nunmal so komplex sind wie sie sind, aber trotzdem müssen wir versuchen damit umzugehen und sie nicht ausblendend beiseite tun.

      Und im Gegenteil, ich finde deinen Kommentar nicht überheblich sondern sehr reflektiert und freue mich immer über deine Rückmeldung!

      In diesem Sinne ganz liebe Grüße und ein schönes, fast schon nahes Wochenende!
      Linn

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: 2016 auf LINNMAIRA – LINNMAIRA

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