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Generation Schubladenorientiert

Wer bin ich?

Wer bin ich? ist nicht nur der Name eines beliebten Kinderspiels, bei dem man anhand äußerlicher Merkmale möglichst schnell herausfinden will, wen der Gegenspieler gewählt hat, sondern auch die Frage, die insbesondere junge Menschen im Alter von 16-30 beschäftigt. Wer bin ich und wer will ich sein? Und wie kommt es, dass so viele Menschen gleichzeitig Schutz in der Masse suchen, anstatt aus den unzähligen Möglichkeiten zu wählen, die einem das Leben offeriert? Ein Gedankengang:

Vegan, Beziehungsunfähig, Healthy oder Fit: Bitte nur ein Kreuzchen setzen. 

Ein Blick auf die vielen social media Kanäle verrät schnell: Ein Adjektiv sagt mehr als 1000 Worte. Man is(s)t vegan, beziehungsunfähig, healthy, fit oder wahlweise ein anderes „Beschreibewort“, obwohl dieser Begriff wohl nur noch in der Grundschule verwendet wird.  Ein Wort und schon hab ich mich ausreichend beschrieben. Praktisch in Zeiten.,in denen immer noch eine Zeichenobergrenze in der Profilbeschreibung festgelegt wird. Nur scheint es für mich so, als habe man dieses Prinzip der Zeichenbegrenzung verinnerlicht. Als hätte man sich dafür entschieden, mit diesem einem Wort einer Gruppe zuzugehören und sich dann regelkonform zu verhalten.

Mir macht dieser Gruppenwahnsinn Sorgen. Das mag eine ganz persönliche Sorge sein, weil ich Verallgemeinerungen hasse und stets gerne behaupte, dass ich nicht einem Klischee entspräche (die Antwort darauf in Bezug auf mich mag natürlich jeder persönlich treffen), aber sich über eine einzelne Eigenschaft zu definieren, finde ich einseitig. Einseitig im wörtlich gemeinten Sinne, denn wer besteht denn nur aus einer Eigenschaft?

Generation Schubladenorientiert

Begriffe wie Generation Beziehungsunfähig machen aus einem (temporären) Zustand ein Lebensgefühl. „Ich bin Single und damit eröffnet sich mir eine ganz neue Gruppe, die mich endlich nicht mehr alleine durch den Kosmos treiben lässt.“, so der Gedankengang. Ich las neulich einen Artikel, in dem es in etwa hieß: „Wer Single ist, der hat jetzt neben den Fitten, den Veganern und anderen Randgruppierungen endlich mit #beziehungsunfähig seinen Hashtag für Instagram und damit sein Lebensmotto gefunden“ (Wenn ich den Text wiederfinde,  verlinke ich ihn natürlich hier).  Juhu, dreimal in die Luft gesprungen und Trallala, endlich eine Schublade in der ich mich verkriechen kann.

Nur wann ist das eigentlich so Trend geworden, dass wir uns tatsächlich freiwillig in diese Schublade begeben, uns, abstrakt gedacht, so viele Schichten Persönlichkeit abschneiden, bis wir so zweidimensional und durchsichtig wie ein dünnes Blatt Papier sind? Wieso macht mich so ein kleines Wort so klar abgegrenzt. Ist das ein Herdentrieb, ein uralter Überlebensinstinkt, das, wer sich anpasst, eher überlebt?  Und vor allem, wo soll das hinführen?

„Ich dreh mich im Kreis, seh nichts mehr, jeder Weg führt wieder hierher“(Peter Fox)

Die Uniformität mag zunächst nicht auffallen, schließlich gibt es ja viele Gruppen, denen man zugehörig werden kann und dass es schön ist, Gleichgesinnte zu treffen, das will ich nicht bestreiten. Was meiner Meinung nach aber sehr stark darunter leidet sind die Kreativität, die Entwicklung, die Innovationen. Wer sich immer nur im gleichen Kreis dreht, der macht keine neuen Fußspuren im Sand. Der findet nichts neues heraus und der entwickelt sich auch nicht weiter. Es fühlt sich fast so an, als würde man seine Schulzeit weiterleben, einmal Streber (Klassenclown, Sportler, Lehrerliebling), immer Streber. Dass dem Streber eine Portion Sozialverträglichkeit in keinster Weise schaden würde, dessen sind wir uns vermutlich alle bewusst.

Dessen, dass ein Neuerlernen von Fähigkeiten und ein Umdenken ein Verlassen der Comfort Zone erfordert, eher weniger. Dabei gibt es in Zeiten, in denen so viele Menschen auf engem Raum miteinander leben, nichts wichtigeres, als ein gegenseitiges Verständnis. Verständnis kann nur der haben, der kommuniziert und seinen inneren Zirkel verlässt. Kommunikation untereinander und auch eine Akzeptanz, einem anderen Standpunkt gegenüber, das muss man lernen.Wer weiß, vielleicht gibt es über den Tellerrand hinaus, eine Option, die man gruppenbedingt nie in Betracht gezogen hätte und vielleicht verpasst man damit eine ganze Menge. Und selbst falls nicht: Wer nur mit seiner Gruppe kommuniziert, der wird nie die Intentionen und Gründe eines fremden Gegenübers verstehen können.

Fassen wir meine Meinung zusammen: Es ist gut und wichtig, viele Interessen zu haben, auch welche, die den Rahmen des Klischees sprengen. Es ist auch wichtig, neue Wege zu gehen und die wohlig warme Geborgenheit der Schafherde zu verlassen. Es ist so verdammt wichtig mehr, als nur dieses eine Adjektiv zu sein. 

 

6 comments on “Generation Schubladenorientiert

  1. (leider) sehr wahre worte! Schön, dass es Menschen gibt die auch noch kritisch denken und nicht allem, das nach einem Alpha-Tier aussieht, blind nachlaufen! 👍
    Das mit dem Adjektiv beschreibt die Situation wohl sehr genau! Alles was nicht in eine Schublade passt, wird als „falsch“ angesehen…
    -LG Sandra (von Worldnetic)

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    • Hey Sandra,
      ich finde es so wahnsinnig schade, dass Menschen immer gleich Abweichungen als falsch ansehen, finde Kontraste machen einen Menschen erst lebendig und spannend!
      Liebe Grüße
      Linn

      Gefällt 1 Person

      • Du sprichst mir aus der Seele! Da denke ich mir manchmal wirklich, dass war früher vielleicht besser… Oder fällt einem das erst später auf?
        Vielfalt macht das Leben erst viel bunter und wie langweilig wäre es, wenn alle gleich sind?

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  2. Dieser Text ist großartig. Eine Kolumne des Monats! Sehr inspirierend, sehr schon unaufdringlich argumentativ und hinterfragend geschrieben. Und ein wichtiges, spannendes Thema behandelnd. –

    Ich habe sehr viele Gedanken dazu in mir, und ich gestehe, am liebsten würde ich mit Dir darüber losdiskutieren wollen. Nicht weil ich Dir wiedersprechen, vielmehr, weil ich mich dazu austauschen möchte. Aber mir schwirrt viel zu viel dazu im Kopfe haruzm, als dass ich hier Platz fände, es auch nur skizziert aufzuschreiben. Zudem wäre mir eine Diskussion, die nicht erst zu viel stehen lassen muss, bevor sie in Gang kommen oder weitergeführt werden kann, lieber.

    Da wäre die Frage nach den Ursachen des Strebens nach Gruppenzugehörigkeit über die Reduktion der eigenen Persönlichkeit auf nur eine oder wenige Eigenschaften. Ebenso wichtig und folgerichtig: Die Frage nach den Folgen.

    Ich meinerseits frage mich nach der Lektüre Deines Textes hier, weshalb ich es für mich persönlich ganz anders wahrnehme: Dass ich mich über immer mehr, statt weniger Eigenschaften definiere, dass ich immer weniger das Bestreben habe irgendwo „dazu“ gehören zu wollen.

    Bei mir stecken hinter Letzterem unter anderem (sehr bewusste) Fluchtgedanken, ich ahne, dass es irgendwie ähnlich, bei jenen ist, die sich so reduziert definieren und Gruppen anschließen. Stimmt meine Wahrnehmung? Und wenn ja, wie erklärt sich dieses Phänomen?

    Ach, da ist noch so unendlich viel mehr…

    Die Art, wie Du hier aufgezeigt, kritisch hinterfragt, zum Nachdenken und Austausch eingeladen hast, liebe Linn, ist wundervoll. – Ich sags einfach mal ganz aus dem Bauche heraus: Ich bin begeistert!!

    Viele liebe und Dich im Sinne der „Schreibe“ dieses Textes ganz doll weiter ermutigen wollende Grüße an Dich!

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    • Vielen Dank für deinen spannenden Kommentar und das große Lob! Es ist wirklich ein unheimlich interessantes Thema, das sicherlich kontrovers diskutiert wird. Ich persönlich definiere mich auch über sehr viele Eigenschaften und könnte mich selbst keiner Schublade zuordnen, etwas, was mich irgendwie froh macht!

      Liebe Grüße,
      Linn

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  3. Pingback: 2016 auf LINNMAIRA – LINNMAIRA

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