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Ich hab Angst, dass es mich lockt.

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Wenn es ein Thema gibt, das derzeit in der Blogger- und Netzwelt für Traffic sorgt, dann ist das Social Media: Gefahr oder Chance. Wir stellen uns entweder mit Essena O’Neill auf eine Seite und verteufeln das weite WWW, verurteilen jeden Blick auf das Smartphone und die immer geöffneten Apps: Facebook, Instagram, Snapchat, Twitter, Periscope, die Liste ist lang. Oder wir heben unseren Finger mahnend in die Höhe und schreiben: „Du musst einfach nur wissen, wie du damit umgehst. Wer zart besaitet ist, den fressen die Hater-Haifische im großen Netzbecken. “ Wir sagen, es sei nur eine Frage der Einstellung – und lügen uns damit meiner Meinung nach in die Tasche.

Klar, es ist einfach zu behaupten, da kann jemand einfach mit den Konsequenzen seiner Webpräsenz nicht umgehen. Wer agiert, der muss mit Kommentaren rechnen. Auf Aktion folgt Reaktion. Und trotzdem ist dieses „Sie war einfach nicht reif genug“ zu schnell gesprochen. Denn wenn wir ehrlich sind, dann sind wir alle kleine Selbstdarsteller. Wir posten unser Leben, weil wir gerne eine positive Reaktion darauf hören wollen, weil wir wollen, dass andere unsere Ideen teilen, uns schön finden, uns anhimmeln. Wir wollen bewundert werden. Denn um nichts anderes als die Selbstdarstellung geht es in social media. Und das ist nicht schlimm, denn das machen wir Menschen gerne, das ist auch in unseren Urinstinkten angelegt. Sich möglichst gut präsentieren, einen möglichst optimalen Partner (der sich ebenfalls darstellt) finden und Nachkommen zeugen – hallo Darwin. Das Problem mit Social Media ist, dass die Verhältnisse sich verschieben. Dass aus reiner Selbstdarstellung eine Anpassung an die gelobten Ideale wird. Und dass sich das auch auf unser Leben außerhalb der sozialen Plattform auswirkt – zumindest in den Regelfällen. Wir laden Bilder von uns hoch, von denen wir denken, dass sie schön sind, ob pur Natur oder bearbeitet. Wir laden sie auf einer Seite hoch, die wir als Ansporn sehen. Dünner, Schöner, Reicher – Instagram lebt es vor. Wir wollen mithalten – mithalten mit einer Idee, die konstruiert ist aus Filtern, dem nötigen Kleingeld und einem vorteilhaften Kamerawinkel. Wir sind schnell geworden, wir scrollen, wir swypen. Links, rechts, hoch, runter, schön, nicht schön. Wir geben einem Menschen kaum eine Chance, er selbst zu sein. Denn das ist hässlich. Individualität ist hässlich. Grausame Worte? Ich sei pessimistisch, grün vor Neid und das wären alles Lügen. Das dürft ihr sehr gerne über mich denken. Nur wie gut lässt sich diese Meinung aufrecht erhalten: „Mich verändert das alles nicht“, wenn der Instagram-Feed aus gut konstruierten Werbeplätzen besteht. Wenn wir Instagram toll finden „Weil es ein Ort ist, der schöne Dinge zeigt und inspiriert“. Ja, wozu inspiriert er? Zu einer Masse an Marketing-Maschinen, die Vereinheitlichung immer voran treibend. Der gleiche, zusammengemixte Brei, Tag für Tag. Wir präsentieren uns dort, weil wir so ein eigenständiges Individuum sind und dann, dann posten wir doch den gleichen Mist, weil wir dazu gehören wollen. Zu den Großen in Social Media, zu unseren „Role Models“. Weil eine Selbstdarstellung eine positive Reaktion wünscht, weil wir Bestätigung wollen. Weil wir alle unsicher geworden sind, ob das, was wir hier machen richtig ist. Deshalb rennen wir lieber der Herde hinterher, wir kleinen verlorenen Schafe. Bl0ß nicht riskieren, dass jemand uns nicht hübsch, klug oder witzig findet. Lieber mit der Herde geliebt, als als Einzelschaf gemieden werden.

Ich finde Social Media toll, ich teile gerne meine Gedanken mit euch, ich finde gerne neue Anstöße. Ich finde auch gerne heraus, woher diese schönen Schuhe sind, hey danke, dass du sie verlinkt hast. Und ich hab trotzdem manchmal Angst, dass es mich verändert. Dass es meine Sicht auf die Welt trübt, weil wir uns nur in diesen Parametern zu bewegen scheinen. Ich hab Angst, dass es mich lockt. Dieser „Fame“, diese Anerkennung. Anerkennung demonstriert durch Likes, die auf meinem Handbildschirm auftauchen. Likes für ein Bild, dass zusammengebastelt ist aus Klischees. Ich hab Angst, dass ihr mich dann irgendwann für mein virtuelles Ich mögt, und das wahre Ich, richtig doof findet. (Ihr dürft mich doof finden, aber dann bitte auf beiden Ebenen gleichzeitig).

Ich liebe Social Media, ich bin fast süchtig danach – und ich sorge mich sehr darum, dass es aus mir einen anderen Menschen macht. Weil der Grad zwischen Selbstdarsteller und einer falschen eigenen Wahrnehmung gering ist. Wie seht ihr das?

4 comments on “Ich hab Angst, dass es mich lockt.

  1. Erst einmal, liebe Linn: Ich denke, dass Du einen sehr differenzierten und vor allem ehrlichen Text geschrieben hast. Einen Text, in dem Du selbst Dich kritisch hinterfragst. Ich finde das äußerst respektabel, und irgendwie bin ich voll nicht unerheblicher Zuversicht, dass Du Dir dieses kritische Hinterfragen Deinerselbst bewahren wirst. –

    Meine „Weis(ß)heit der mittleren Lebesnjahre“ flüstert mir, dass das nicht so viele Menschen überhaupt zu tun beginnen und noch weniger es sich dann wirklich bewahren. – So denen, die das tun gehören unter anderem wirklich investigative und kritische Journalisten (sic!)

    Aber nun mal zu mir und meinem Verhältnis zum www:

    Ich schätze es und ich halte es für unverzichtbar. Aber ich nutze es sehr dosiert, vor allem zum Zwecke wirklicher (Hintergrund-)information und zur Beschäftigung mit Texten, mit Sprache, mit aus meiner Sicht interessanten (philossophischen, gesellschaftlichen, sozialen, menschlichen, Problemen und Fragen).

    Mein einziges soziales Netzwerk, in dem ich weitgehend anonym unterwegs bin, ist diese Blogplattform hier. (Vormals war es blog.de, was aber Ende vorigen Jahres geschlossen wurde) Das halte ich ganz bewusst so.

    Mein Motiv es zu nutzen, war vor allem der Versuch, selbst zu schreiben, mich im Schreiben zu üben, mich zu reflektieren und nach und nach mit ein paar Menschen, von denen ich mir ein gewisses Bild gemacht habe, austauschen zu können – zu mich bewegenden Fragen, Themen und Problemen – aber auch zu denen jener Menschen. – Mein Motiv war nie, die eigene Präsentation, jeder soll/te mich so wahrnehmen, wie es sein Empfinden es ihm signalisiert.

    INHALTLICHER Austausch ist mir wichtig. Das ist es, was neben dem eigenen Schreiben, durch so eoine Plattform, wie sie diese hier ist, ermöglicht wird, wenn man für sich klar definiert, was einem wichtig ist. – Das habe ich für mich getan. Und mehr lasse ich nicht zu. Weil ich mehr oder anderes auch nicht beginnen würde. – Wahrscheinlich ist das für mich relativ leicht, weil es meinem Wesen entspricht. – Ich „kann“ zum Beispiel keinen Smalltalk.

    Ich habe über viele Jahre als Moderator in einem großen Internetforum zum Ausländerrecht mitgemacht, ja, ehrenamtlich gearbeitet. – Ich habe davon beruflich sehr profitiert und habe Menschen helfen können (nicht zuzletzt, weil es sich um ein sehr seriöses, gut geführtes und administriertes Forum gehandelt hat). – Als Folge meiner langen Erkrankung habe ich das dann letztes Jahr aufgegeben, aber ich kann sagen, dass mich dieses Forum sehr bereichert hat, dass es einen Sinn für mich gehabt hat, dass ich nur auf diesem www-Weg Menschen in der Art erreichen konnte, wie ich das tat.

    Was ich sagen will: Ich denke, dass es wichtig ist, wie bei so vielen Dingen im Leben, auch mit Blick auf das www Prioritäten zu setzen. Wichtiges von UNwichtigem zu trennen, und vor allem bei dem, was Unterhaltung betrifft, sehr sorgsam auszuwählen. – Gute, wirklich bereichernde, inspirierende Unterhaltung ist aber im www wie in anderen Medien leider sehr selten geworden.

    Wenn Du weißt, wenn Du für Dich entschieden hast, Dich nicht von Seichtem, von allem, was Mainstream oder Mode ist, „locken“ zu lassen, wenn Du viel mehr für Dich beschlossen hast, eine Suchende zu bleiben, nie eine schon alles Wissende sein zu wollen, dann wirst Du auf Entdeckungsreisen gehen nach Dingen, die nicht gleich offensichtlich sind, über die nicht schon alle reden, die nicht, obwohl sie sich Mode nennen längst Uniformität geworden sind. –

    Wenn Du das so oder ähnlich zu Deiner Maxime werden lässt, wirst Du keine Angst haben brauchen, dass Du Dich „verlocken“ lässt – weil Du dann weißt, dass Dich anderes lockt, was spannender, geheimnisvoller, unikater ist, was Dich viel mehr Entdeckerin als „Mitrederin“ werden und sein lässt, als der Mainstream bzw. das, was im www so sehr Mainstream ist, und somit selbst einen spannenden, einen inspirierenden, einen SEIN Leben lebenden Menschen.

    *

    Verzeih, das war ein langer Kommentar, und das waren ganz schön „schwergewichtige Worte“. – Die sollen und wollen kein Ratschlag sein – nur ein Gedankengang, von dem ich mir insgeheim wünsche, dass ihn möglichst viele Menschen versuchen würden zu gehen. –

    Ich glaube daran, dass die Welt dann bunter, lebenswerter, respektvoller würde, auch mit und durch das www.

    Viele sehr aufrichtig freundliche und liebe Grüße an Dich!

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    • Ich bin immer wieder mehr als begeistert von deinen Kommentaren, sie sind so wohl durchdacht und zeigen von einem sehr reflektierten Menschen, der sich wirklich Gedanken zu dem macht, was er schreibt! Mir fehlen gerade ein wenig die Worte zu dieser ausführlichen Reaktion (ich schätze lange Kommentare sehr) und danke dir wieder einmal, dass du dir die Zeit genommen hast, deine Gedanken mit mir zu teilen!

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  2. *zeugen statt zeigen, natürlich 🙂

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  3. Pingback: 2016 auf LINNMAIRA – LINNMAIRA

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