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Und ich bewundere ihn dafür, dass er nicht gefallen wollte.

Ich habe vor jedem Menschen einen gesunden Menschenrespekt. Außer vor Vergewaltigern, Sexisten und Rassisten. Aber das ist auch gerechtfertigt – denke ich. Aber es gibt Menschen vor denen habe ich einen weiter gehenden Respekt, zu denen sehe ich auf. Weil ich sie für das, was sie tun, sagen, ihre Art, für und zu was sie stehen, bewundere. Darunter gehören zum Beispiel Masala Yousafzai aber auch die amerikanische Talkshow-Masterin Ellen Degeneres. Und zu ihnen gehört auch Helmut Schmidt.

Der Altkanzler Helmut Schmidt ist gestern im Alter von 96 Jahren in Hamburg gestorben. Helmut Schmidt war Bundeskanzler, Krisenmanager der großen Sturmflut in Hamburg 1962 und einer der Herausgeber der Zeit. Wer gerne einmal eine kurze Zusammenfassung seines Lebens lesen möchte, dem empfehle ich diesen Spiegel-Artikel, der einen beeindruckenden Mann portraitiert. Unabhängig davon, dass seine politischen Entscheidungen vielleicht nicht immer die meine gewesen wären und dass ich es furchtbar finde, dass er eine Affäre hatte – bewundere ich ihn. Weil er zu seiner Meinung und seinen Entscheidungen stand. Weil er kein Mensch war, der seine Überzeugungen nach dem ausgelegt hat, was Menschen von ihm gerne hören wollten.

Helmut Schmidt war charakterlich sicherlich kein Genosse, mit dem man streiten wollte und auch keiner den man gerne als Feind hatte. Aber er war ein Macher – einer der nicht lange um den heißen Brei herumgeredet hat, sondern gemacht hat. Entscheidungen in die Tat umgesetzt hat.

Und davor habe ich Respekt: Ich finde es schade, dass heutzutage so vorsichtig mit der eigenen Meinung umgegangen wird. Wie soll ich jemanden vertrauen können, der seine Meinung ändert, sobald eine neue Attitude Trend wird. Wie soll das gehen? Helmut Schmidt war und wird ein Leuchtturm bleiben. Einer, der sich aus der Masse abhob, sie überstrahlte. Der wie ein Fels in der Brandung wirkte, aber mehr war als ein machtaffiner Mann war, der eine laute Stimme besaß. Er sollte auch heute noch ein Wegweiser für junge Menschen sein, Entscheidungen danach zu treffen was man für richtig und gut hält, anstatt einem Publikum gefallen zu wollen. Ja, ich bewundere diesen Mann dafür, dass er nicht gefallen wollte, dass er seine Zigaretten auch rauchte, obwohl andere ihm davon abrieten. Dass er sich nicht verstellte.

Es ist traurig, dass er gegangen ist – auch wenn eigentlich bereits vorher klar war, dass dieser Zeitpunkt nicht in allzu ferner Zukunft läge. Dennoch verlieren wir, junge Menschen, alte Menschen, Männer, Frauen, einfach wir alle, einen großartigen Mann.

2 comments on “Und ich bewundere ihn dafür, dass er nicht gefallen wollte.

  1. Ich bin mal wieder beeindruckt von Deinen Worten. Diesmal auf wieder eine besondere Weise.

    Denn Du schreibst und würdigst einen Mann, den Du „nur“ noch in seinen letzten Jahren erlebt hast. Allerdings war da noch einiges an und mit ihm zu erleben. Die Klarheit seines Verstandes, die Art zu sprechen, stets deutlich und wohl formuliert, ohne dass es auch nur je einen Hauch von Effekthascherei gehabt hätte, dies alles und vieles mehr bis ins hohe Alter, das hast Du sehr wahrgenommen

    Mir geht es ein bisschen wie Dir: Auch mir haben nicht alle politischen Entscheidungen von Helmut Schmidt gefallen, aber er war eins immer: Authentisch. Das schloss ein, dass er unbequem war. Ich glaube aber, dass er dabei nicht verletzend war. Und das macht den Unterschied zu vielen, die sich heute äußern oder meinen, sich äußern zu müssen.

    Dein Nachruf auf ihn gereicht ihm aber auch Dir zur Ehre.

    Und weil ich hier schon einige Texte gefunden habe, die mir jeder auf seine Art sehr gefallen, die eine Schreiberin hinter all den Gedanken vermuten lassen, die aufmeksam hinhört, die nicht bloß „konsumiert“, sondern hinterfragt, die auch mutig ist, sich etwas von der Seele zu schreiben, habe ich beschlossen, Deinem Blog nun zu folgen. – Dass erspart mühsames Suchen, ich sehe nun „automatisch“, wenn Du wieder einen Eintrag geschrieben hast.

    Du hast, mit dem, was Du schreibst, was zu sagen. Und das gefällt mir sehr!

    Viele liebe Grüße an Dich!

    Gefällt mir

  2. Pingback: 2015 auf linnmaira |

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