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Wir sind ein gutes Team, ein Kämpfer, ein Sieger.

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Es ist Mittwochabend. Mittwochabend ist Box-Abend. Naja, nicht wirklich Box-Abend, aber Bodycombat. Bodycombat, das ist ein Sportworkout von Les Mills, wo man boxt und tritt und kickt, etwa eine Stunde lang, bis man sein eigenes Herz pulsieren hört. Bis die eigenen Arme aufgeben, die Beine brennen und sich die Sportmatte auf dem Fusboden so wahnsinnig bequem anfühlt, dass man am liebsten nicht mehr aufstehen möchte. Doch man steht auf, hängt seine Matte wieder auf und fährt nach Hause. Was bleibt, ist ein Gefühl von Stärke. Ich kann kämpfen, ich bin ein Sieger, ein Gewinner, ein Krieger. Ich bin stolz auf mich. Ich bin stark.

Warum erzähle ich hier von meinem kläglichen Versuch, etwas Kondition und eine bessere allgemeine Fitness zu gewinnen? Warum poste ich nicht einfach ein Bild von meinen Bauchmuskeln und lasse mich dafür bewundern. Weil ich euch eigentlich etwas ganz anderes erzählen möchte und weil u.a. dieser Sport aber mich zu dieser Erkenntnis hat kommen lassen.

Etwa 4 Monate früher:

Ich führe jeden Tag einen Kampf. Nein, nicht einen Kampf gegen die Unmengen schmutziger Wäsche, nicht gegen schlechten Kaffee oder meinen störrischen Dackel, der auch im Regen gerne jeden Busch beschnüffeln möchte. Ich führe einen Kampf gegen mich selbst. Ich wache morgens auf, stelle fest, dass sich ein (weiterer) fetter Pickel auf meiner Stirn breitgemacht hat und fluche über meine schlechte unreine Haut. Und dass die Welt ja absolut unfair sei, ich hätte ja schließlich nichts verbrochen und trotzdem säße da jetzt so etwas zwischen meinen Augenbrauen. (Keine Sorge, ich weiß, dass das ein Luxusproblem ist). Ich bin genervt, weil ich auch nach dem dritten Kaffee nicht wach werde, obwohl es eigentlich kein Wunder ist, da ich nur 4 Stunden geschlafen habe. Die Müdigkeit macht mich unkonzentriert, ich erbringe nicht die Leistung, die ich normalerweise aus dem Ärmel schüttele. Und schimpfe innerlich mit mir. Später am Tag werde ich mich beim Shoppen über meinen Körper ärgern, weil ich in das eine nicht reinpasse und das andere nicht ausfülle. Und beim Sport dann versuchen meinen Schweinehund und mich selbst zu besiegen, weil mein Körper den ganzen Tag schon nicht so gewollt hat, wie das mein ursprünglicher Plan war. 

Ich bin ein ziemlich selbstkritischer Mensch und ich habe eine lange Zeit versucht, meinem Körper aufzudrängen was er zu leisten hat. Ich habe mich über Fortschritte nicht gefreut, sondern sie als selbstverständlich angesehen. Und wenn etwas nicht so funktioniert hat, dann war ich sauer auf mich. Sauer auf meinen nicht unfehlbaren Körper. War – Vergangenheit. Ich weiß gar nicht mehr wann der Punkt kam, an dem ich realisierte, dass ich viel stärker, besser und glücklicher bin, wenn ich stolz auf das bin, was ich erreicht habe. Dass ich entspannt sein kann, weil meine Haut so durch äußere Einflüsse strapaziert wird und lediglich ein paar Unreinheiten aufweißt. Dass ich meinem Körper nicht übel nehmen soll, wenn er müde ist, sondern akzeptieren, dass ich vielleicht eine Leistungsgrenze überschritten habe. Und er jetzt einfach einmal eine Pause braucht.

Ich glaube, dass ein generelles Problem in unserer Generation ist, dass wir unseren Körper und all seine Leistungen als selbstverständlich ansehen. Ja, wir kämpfen andauernd gegen ihn, treten ihn mit Crashdiäten und wenig Schlaf. Am Limit leben ist cool, Selbstoptimierung ist cool – auf sich aufpassen? Das ist was für Weicheier, Anfänger, Schwächlinge. Wer ein Stück Kuchen isst, das nicht in die Makros passt, der ist in der Generation #instahealthy ein Disziplinloser.

Aber was ist das eigentlich für ein verqueres Bild, dass wir unseren Körper, all das, was uns ausmacht, in irgendetwas einschränken sollten? Wenn mein Blutzucker niedrig ist, dann sollte ich verdammt nochmal etwas essen – auf ihn hören. Und nicht den knurrenden Magen als eine Bestätigung für meine ach so große Disziplin, mich selbst zu besiegen, sehen. Und wenn mein Auge schon zuckt, weil ich seit 10 Stunden auf einen Bildschirm starre, dann sollte ich mir Badewasser einlassen und den Laptop zuklappen. Anstatt zu denken, dass ich mit irgendeinem Ideal konkurrieren muss, sollte ich an morgen denken. Und übermorgen. Und ich sollte dabei nicht vergessen, dass ein Körper keine endlose Energiequelle ist. Und ob meine größte Sorge überübermorgen dann immer noch mein Ideal oder vielleicht der Boden ist, auf dem ich liege weil ich vor lauter Erschöpfung zusammengebrochen bin. Und dann sollte ich tief durchatmen, mich selbst fest in den Arm nehmen und meinem Körper,  diesem Wunderwerk, was mich solch tolle Dinge vollbringen lässt, dankbar sein.

Ich kann reden, singen, springen, lachen, stehen, sitzen,  tanzen, schreien, ich kann mich bemerkbar machen, 30 Sekunden tauchen, schielen, weinen, ausrasten, eine Baumstammrolle machen und Menschen zum Nachdenken anregen.

Mein Körper und ich, wir können eine ganze Menge, wir sind ein gutes Team, wir sind ein Kämpfer, wir sind ein Sieger. Wir sind stolz auf uns.

xx

Linn

3 comments on “Wir sind ein gutes Team, ein Kämpfer, ein Sieger.

  1. Wegen deinem Text hätte ich fast verpasst an meiner Haltestelle auszusteigen, weil ich so fasziniert und mitgenommen war. Toll geschrieben, wirklich!
    Aber was um alles in der Welt ist eine „Baumstammrolle“? Das musst du mir Montag bitte zeigen 😅 fühl dich gedrückt ❤️

    Gefällt mir

  2. Pingback: 2015 auf linnmaira |

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