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I like those gentle people

Es passierte gestern, um kurz vor 19 Uhr. Ich hatte einen langen Tag, war müde, ein bisschen gehetzt, genervt, geschafft. Ich ließ mich im Wartezimmer meines Zahnarztes auf einen Stuhl fallen, versuchte meine mehr als zerzottelten Haare kurz zu richten. Eine ältere Frau sprach mich wie aus dem Nichts an: „Sie haben aber schöne Haare!“ Ich blicke auf, lächelt sie müde an und sage „Vielen lieben Dank – sie retten mir gerade ein kleines bisschen den Tag“. Sie guckt mich fast schon entrüstet an „Ja, aber das ist doch selbstverständlich – finden sie nicht, dass man sich mal ein Kompliment machen sollte? Wenn eine Dame aus meinem Bekanntenkreis einen schönen Pullover trägt, dann sage ich ihr das ja auch.  Aber ne ne ne, dann heißt es ja heutzutage immer, dass ich neidisch bin. Aber wenn ich doch einfach nur ein Kompliment machen möchte?“ Ich wollte ihr gerade zustimmen, da rief mich die Sprechstundenhilfe auf und ich musste aufstehen. Ich drehte mich noch schnell um, rief „Da haben sie absolut Recht“ und dann verschwand sie schon aus meinem Augenwinkel.

Ihre Worte haben mich letzte Nacht beschäftigt. Woran liegt es, dass wir mit Komplimenten geizen, als könnten sie uns jemals ausgehen. Haben wir Angst, dass man uns als Schleimer ansieht? Haben wir das Gefühl, dass wir uns dadurch unterordnen – sozusagen unseren eigenen Wert mindern, weil wir ja den anderen bewundern und dementsprechend ihn als „ranghöher“ ansehen? Oder sind wir es schlichtweg? Also, neidisch, meine ich? Was hindert uns daran, einfach mal nett jemandem ins Gesicht zu sagen, dass er gut aussieht, eine tolle Stimme oder eine großartige Idee hat? Was haben wir zu verlieren? Genau. Nichts.

Und wir kennen doch alle dieses kleine wohlige Gefühl im Bauch, wenn jemand zu uns sagt, dass uns etwas gut gelungen ist, dass wir hübsch aussehen, dass wir etwas kluges gesagt haben. Wir sind glücklich, unser Selbstbewusstsein bekommt einen kleinen Ego-Boost und die nächste Hürde lässt sich einfacher meistern. Dieses Gefühl, dass mit dem ersten Kitzeln der Sonnenstrahlen auf der Nase zu vergleichen ist.

Warum geizen wir also damit? Warum gönnen wir anderen dieses Gefühl nicht? Ich frage mich erneut, woran das liegen mag. Sind wir selbst so unglücklich, dass wir wollen, dass andere den selben frustrierten Ausdruck in den Mundwinkeln haben? Wollen wir tatsächlich eine Miesepeter-Gesellschaft? Ich erinnere mich an unseren Trip in die USA vor knapp drei Jahren. Alle waren so freundlich. Und das ohne Hintergedanken, es gehörte dort einfach zum guten Ton – und ich merkte, dass ich selbst begann, mich freundlicher zu verhalten. Ich wollte zurückgeben, was man mir gab.  Zurücklächeln. Einfach, weil es mir selbst gut ging und ich es anderen Menschen auch gönnte.

Was ich aus dem Kompliment der Frau gestern Abend mitnahm? Einen kurzen Glücksmoment, ein bisschen herunterfahren, ein bisschen entspannter sein. Und ich hoffe sehr, dass ich das bei einem anderen Menschen auch bald bewirken kann.

#begentle

xx

Linn

5 comments on “I like those gentle people

  1. Super Blog!

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  2. Nachdem ich Deinen Blog kürzlich über eine andere Bloggerin, die ich sehr gern lese und der ich nun schon eine Weile folge, entdeckt hatte, habe ich nun begonnen ein wenig auf Deinen Seiten hier herum zu spazieren.

    Mir gefällt vieles, was ich hier finde. Dieser Text hier gehört zu dem, was ich bislang am meisten mag. – Sich wünschen, sanft zu sein, sanfte, freundliche Menschen zu mögen – diesen Wunsch und dieses Mögen in Worten festzuhalten – mich hat das berührt, auf sehr angenehme Weise. –

    Sie sind so selten geworden, diese sanften Begegnungen im Alltag, die oft gar nicht mehr sein brauchen als eine kleine Geste, ein nettes Wort, ein bisschen Zeit oder ein wenig Hilfe. – Gäbe es sie öfter wäre und würde vieles leichter. Auch, die eigene Schwermut, das eigene Zweifeln wenigstens ein bisschen leichter tragen zu können. Wenn man versucht wird, zurück zu lächeln, wird der eigene Missmut unsichtbarer. Und das bei anderen zu erleben hat jeder, der sanfte Freundlichkeit schenkt, sehr verdient.

    Dankeschön für diesen Eintrag. – Ich werde nun weiter hier spazieren gehen … 😉

    Viele liebe, freundliche Grüße!

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    • Lieber Holger (Holger ist zumindest der Name in deinem Impressum, ich hoffe, es ist also okay, wenn ich dich so anspreche),

      es freut mich sehr zu hören, dass dir mein Text gefällt – und auch, dass du dir die Zeit nimmst, ein wenig durch meinen Blog zu stöbern. Du wirst hier vermutlich verschiedene Texte finden, ein paar wie den, der dir hier gerade so gut gefiel, ein paar andere, die stärker sind, eine klar positionierte Meinung haben – denn ich denke gerade die Mischung macht mich aus.

      Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß und natürlich einen schönen Donnerstag!

      Linn

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