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Von Seebären mit roségoldfarbenen Rucksäcken: Genderdiscussion

„Sie sind ja für eine Frau richtig gut informiert“ – Ein Satz, eine Aussage und der kleine Zornbold in mir fährt hoch. Ruhig Blut Linn, ruhig Blut, du musst nur noch zur Kasse und bezahlen. Ich schenke dem Verkäufer ein verdammt gequältes Lächeln, lache dann ein wenig zu hoch, sage „Haha, naja, man will ja nicht das falsche kaufen“ und „schreite“ aufrechten Ganges zur Kasse.

Back to the beginning of the story: Vor etwa einem Jahr war ich auf der Suche nach einem neuen Handy.  Nach einiger Recherche auf diversen Fachchinesisch-Seiten und der Überlegung, was ich von einem Smartphone wollte und was der Smartphonemarkt diesbezüglich zu bieten hatte, landete ich beim Huawei Ascend P7, damals noch relativ neu und unbekannt in Deutschland. Ich marschierte also in den Elektronikhandels meines Vertrauens, schnappte mir einen Verkäufer und erklärte ihm, dass ich dieses Handy haben wollte, weil wegen dies das und jenes und ob die Informationen denn nur schöner Schein seien oder ob ich das kaufen könnte.

Und dann dieser Satz: „Sie sind ja für eine Frau richtig gut informiert“. Am liebsten hätte ich mich umgedreht, meine gesamten 172 Centimeter vor dem Verkäufer aufgebaut und ihm folgendes an den Kopf geworfen:

Guter Mann bzw. an all ihr lieben Menschen,

die der Meinung seid, dass Frauen von Technik nichts verstehen und nur in rosa rumlaufen. Ich bin gut informiert, Punkt. Nicht gut informiert für eine Frau. Ich bin nämlich immer gut informiert wenn mich etwas interessiert und nein, diese Interessen beschränken sich nicht auf FÄSCHN und GLÄMMAR.  Und Technik, die liebe Technik. Ich kann Technik. Ich habe meinen WLan-Router komplett alleine aufgesetzt und ja, ich habe dabei geflucht wie ein alter Seebär, aber ich habe es hinbekommen. Und ich kann auch alleine Regale aufbauen, mit einem Akkuschrauber umgehen, Abseits erklären und die Technikthemen in der Fahrschule haben sich für mich tatsächlich logisch erschließen lassen. Ich habe (laut Aussage eines Freundes) ein fast schon männliches Karrierebestreben, ich fluche zu viel für eine „Lady“, ich bin kein bisschen konfliktscheu und ich ziehe ein Bier dem Hugo vor.

Und all das, was euch interessiert sind meine skinny Jeans, meine langen, offenen Haare, die Ringe an meinen Fingern und mein roségoldfarbener Rucksack.

Wir leben doch tatsächlich immer noch in einer Welt, in der ein Mensch, der sich für klischeeuntypische Themenfelder interessiert, wie eine Sensation behandelt wird. Aber anstatt, dass dieser Person ein ehrlich echtes Kompliment gemacht wird, indem man sagt „Sie sind gut informiert“ – erwähnt man noch ganz nebenbei, dass z.B.eine Frau ja persé, was  Technik angehe, schon ziemlich unterbelichtet sei und deswegen honoriert werden müsse, dass man sich davon ein klitzekleines bisschen abheben würde.

Ihr findet ich übertreibe? Der Verkäufer hat es nicht so gemeint? Diese Diskussion sei überzogen? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch wichtig einmal zu sagen, dass wir Frauen keine Sonderbehandlung wünschen. Wir sind mindestens genauso ehrgeizig wie ihr Männer, wir wollen genauso gut einparken können, wir wollen intelligent und selbstständig sein. Wir wollen an den gleichen Maßstäben gemessen werden und nicht nur „gut für eine Frau“ sein. Und ich möchte an dieser Stelle einfügen, dass ich der festen Überzeugung bin, dass es Männern genauso geht, dass ihr z.B. gut im Haushalt sein wollt, gut mit Kindern umgehen können möchtet, ohne dass jemand den Zusatz „gut für einen Mann“ ausspricht. Und auch ihr wollt euch sicherlich nicht für eure Interessen rechtfertigen müssen.

Ich z.B. will in meinem Beruf später ausgezeichnet sein (Karrierebestreben ahoi). Punkt. Ohne Geschlechterzusatz. Und ich wünsche mir, dass endlich einmal akzeptiert wird, dass Interessen, soziale Kompetenzen und Leistungskapazität nicht mehr als eine Frage des Geschlechtes wahrgenommen werden. Stichwort Frauenquote: Wir bräuchten sie nicht, wenn wir ein Denken, das bestimmte Leistung mit Geschlecht verknüpft, ausschalten würden.

Ein X-Chromosom mehr bewirkt noch lange nicht, dass ich gut für lange Zeit mit kleinen Kindern umgehen kann, ebenso wie der Mangel eines Y-Chromosoms nicht für ein vermindertes Interesse an Technik sorgt.  Ein roséfarbener Rucksack kann das neue Fachmagazin für Technik beinhalten und die stark tätowierten Arme können einem Kind sehr sanft die Tränen wegwischen, wenn es hingefallen ist. Ein Erscheinungsbild, welches auf biologischen Grundlagen basiert muss in keiner Weise einhergehen mit dem, was die Gesellschaft als „typisch Mann“ und „typisch Frau“ klassifiziert. Und ebenso wichtig: Ich darf auch beides gut finden. Man darf sich als Frau weiblich kleiden und reden wie ein Bauarbeiter und keiner darf dafür in eine Schublade gesteckt werden. Denn:

Lassen wir einfach den kleinen biologischen Unterschied heraus und loben Menschen für ihre Leistungen und Kompetenzen, unabhängig davon, ob diese ein Klischee bestätigen oder nicht, so ist allen die Möglichkeit gegeben, mit dem was sie können etwas gutes beizutragen. Sich zu entfalten (esoterisch angehauchte Textpassagen sind heute auch mal in Ordnung), glücklich und vor allem, damit verbunden, sie selbst zu sein.

>> nur einmal meine Meinung zur immerfort aktuellen Rollenverteilung-Diskussion.

xx

Linn

picture: ©petravogt

4 comments on “Von Seebären mit roségoldfarbenen Rucksäcken: Genderdiscussion

  1. Toller Text. Kein bisschen zu krass oder zu überzogen. Richtig gut! – Da trau mich glatt mal, mich ein bisschen zu offenbaren, mittels zweier schon ein bisschen älterer Texte aus meinem „langen Bloggerleben“ ;), einem kürzeren und einem längeren. – Wenn Du sie lesen magst, hier findest Du sie:

    https://gedankenorbit.wordpress.com/2012/07/04/sammelsurium-12-besonderes-14045365/

    https://gedankenorbit.wordpress.com/2014/02/13/tagebuchseite-17751537/

    Viele liebe Grüße an Dich, Linn, und zwei erholsame, freie Tage!

    (P.S.: In meinem Impressum steht mein „richtiger“ Name, ja. Ich habe ihn nur deshalb dort hinein geschrieben, weil ich mal las, dass das wichtig sei, damit das Impressum im Zweifel bzw. bei Notwendigkeit tatsächlich als MEINS gesehen und beachtet werden muss. – Ansonsten mag ich meinen Namen in der virtuellen Welt nicht so sehr verbreiten. Dass Du ihn jetzt weißt, stört mich nicht, er ist halt zu finden für den/die, der/die in mein Impressum schaut. Und auch, dass Du mich letztens mit ihm angesprochen hast, nehme ich Dir also nicht übel. Und, wenn Du mir irgendwann mal über die persönliche Kontaktmöglichkeit neben dem Impressumlink in meeinem Blog schreiben möchtest, ist es natürlich auch völllig in Ordnung, wenn Du mich so nennst, wie ich eigentlich heiße – Ansonsten würde ich in der Blogwelt aber lieber und vorrangig der „Sternflüsterer“ bleiben. Das hat nichts mit Dir zu tun. – Ich hoffe, Du nimmst es mir nicht krumm …)

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    • Das mit deinem Namen verstehe ich total und für mich wirst du dann weiterhin der Sternenflüsterer bleiben :). Und in einer ruhigen Minute werde ich mir auf jeden Fall deine beiden Texte durchlesen! Dir auch ein schönes Wochenende!!

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