Personal & Opinion Personal & Writings

Ich bin nicht everybodys Darling

DSC_0001

Es gibt Momente, da denke ich mir: Es wäre alles so viel einfacher, wenn ich anders wäre. Ein bisschen kleiner, ein bisschen schüchterner, ein bisschen weniger ehrlich, ein bisschen distanzierter, ein bisschen oberflächlicher vielleicht auch einfach ein bisschen desinteressierter.

Es gibt durchaus diese Momente, wo auf meiner Schulter zwei Figuren ringen. Die eine, ein kleines,  lieb lächelndes Mädchen mit aufwändig geflochtenen Zöpfen gegen die andere, Format Ronja Räubertochter, mit zerzausten Haaren, einem grimmigen Gesichtsausdruck und blitzenden Augen. Die beiden raufen sich auf dem Boden, zerren sich an den Haaren, während ich fieberhaft versuche eine Entscheidung zu treffen.

Und es geht immer genau gleich aus: Räubertochter haut Zopfi-Girly eins ihr in makelloses Gesicht und schon sprudeln die temperamentvollen, immer ehrlichen und dadurch auch manchmal hässlichen Worte aus mir heraus.

Ich könnte tagtäglich eine Menge Menschen sehr glücklich machen, ich müsste dafür nur mich belügen und vielleicht auch euch. Ich müsste euch einfach meinen süßen Hund zeigen, ein niedliches Hand-in-Hand-Bild mit meinem Freund, meine coolen neuen Schuhe und mein hart erarbeitetes fast-Sixpack. Ich müsste mir einfach nur einreden, dies sei alles was ich euch mitzuteilen hätte. Und ihr würdet Sugar-Linny bestimmt lieben, so zuckerrosa wie ich daher käme, lieb und nett, ohne Meinung aber hey damit auch ohne Feinde.

Gucken wir uns die Instagram-Accounts großer Blogs an – Blogs mal mit, mal ohne eigene Meinung. Und es liegen Welten zwischen einem „Okay Leute, lasst uns mal Tacheles reden“-Post und einem „Look at my nice Gym-Body and my designer bag Peeps“ – Post. Riesige Unterschiede in der Qualität und in der Zahl der Likes. Denn so traurig es ist: Gymbarbie wird mehr Likes bekommen als der alte Moralapostel. Weil wir so gerne einfache Kost konsumieren, weil einigen das Lesen von längeren Texten zu schwer ist, das darüber Nachdenken sowieso. Und weil Likes ja aus Prinzip schon das allerwichtigste sind im Leben, Follower mein Brot und Gratisgeschenke mein Wasser (Achtung Ironie) könnte ich das ja auch machen – bisschen die Kanäle bedienen.

Aber ich tue es nicht – und es gibt eine Menge Menschen, die mich richtig richtig scheiße (darf man scheiße im Internet sagen?) finden. Stellt sich doch die Frage nach dem Warum? Warum bin ich so dumm und nutze nicht die ganzen Dinge für mich auf die alle anspringen?

Darum. Weil ich der festen Überzeugung bin, dass ein junger Mensch, eine junge Frau, die etwas im Internet postet, sich auch dort mit Dingen auseinandersetzen sollte, die wichtig sind. Das können einmal persönliche Passionen und Leidenschaften sein, wie z.B. das Reisen bei mir. Aber noch viel wichtiger sind Dinge, die einen unmittelbaren Einfluss auf mein Leben haben. Politische Entscheidungen, die mir helfen oder mich einschränken können. Gesellschaftliche Probleme, wie die Lage der Flüchtlinge, einfach Dinge, die ganz in meiner Nähe passieren und mir wichtig sein sollten.

Und das werden meistens keine schönen Posts. Denn niemand will lesen, dass wir an einer Lösung für ein Problem arbeiten müssen – die meisten schauen sich doch lieber einen schönen Strand oder eine hochwertige Handtasche an. Aber Strand und Handtasche sind nicht das, was im Vordergrund stehen sollte. Und ich weiß, ich moralaposteliere schon wieder. Aber es ist mir wichtig, dass meine Meinung zu bestimmten Thematiken nicht zu kurz kommt. Denn entweder: Ihr findet sie gut und fangt auch an zu helfen. Oder noch viel besser: Ihr findet meine Meinung so grausam, dass ihr euch selbst besser informiert und euch eure eigene, fundierte Meinung bildet.

So oder so, ich bin lieber die Räubertochter, die euch wie eine lästige Fliege den ganzen Tag im Ohr  stört als das Zopf-Mädchen, das euch etwas schönes vorgaukelt und die wichtigen Dinge ausblendet. Ich bin gerne diejenige, die ihr nicht leiden könnt, weil sie schon wieder mit diesem Problemscheiß nervt. Lieber falle ich auf die Nase, weil meine Worte mal wieder zu unangepasst, mein Ton zu sarkastisch oder zu hart war, als everybodys Darling ohne Meinung zu sein. Lieber gucke ich in das Gesicht eines Menschen, der von meiner Meinung nicht begeistert ist, als in mein eigenes wissend, dass ich mit meiner rosa Welt nur mich selbst belüge.

Und hat auch nur jemals ein einziger Post einen einzelnen zum Nachdenken bewegt, so habe ich mein Ziel erreicht.

Die größte Gefahr für den modernen Menschen ist, daß seine Verantwortung rascher wächst als sein Verantwortungsgefühl. – Ernst Reinhardt

DSC_0009

2 comments on “Ich bin nicht everybodys Darling

  1. und gerade aus diesem Grund finde ich dich cool, liebe Linn! Sei stolz drauf nicht so oberflächlich zu denken, wie langweilig wäre das Leben, würde man alles belächeln und nichts hinterfragen… Du wärst doch gar nicht du wenn die Räubertochter nicht raus kommen würde … 😀

    Gefällt mir

  2. Pingback: 2015 auf linnmaira |

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: