You can do it – can you?

Ich bin der festen Überzeugung, dass man etwas erreichen kann – wenn man bereit ist, seine Zeit, Kraft und natürlich jede Menge Arbeit zu investieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich es schaffen kann – dass ich mich anstrengen kann, dass ich erfolgreich sein kann. Dass ich mir irgendwann etwas aufbauen kann, nein stop, ich bin der festen Überzeugung, dass sich jeder irgendwann etwas aufbauen kann.  So bin ich erzogen worden und ich denke vielen von euch geht es ähnlich.

Jetzt überlegen wir uns mal folgendes Szenario:

Ihr wachst auf, vielleicht stammt ihr aus ärmlichen Verhältnissen, vielleicht seid ihr aber auch ein Teil der guten alten Mittelschicht. Ihr reißt euch euren Hintern auf, ihr habt gute Noten, ihr macht einen guten Abschluss. Ihr findet einen Job, gründet vielleicht eine Familie – ihr könnt eure Familie versorgen, denn ihr werdet gut bezahlt. Und dann passiert ein Unglück – ein Unglück für das ihr nicht verantwortlich seid. In eurem Heimatland bricht ein Bürgerkrieg aus, eine neue politische Richtung, die euch auf dem Kieker hat, kommt an die Macht und und und – die Medien sind voll mit Horrorszenarien dieser Art. Und ihr müsst weg, müsst fliehen, so schnell es geht, ihr schnappt euch alles, was gerade zur Hand ist, ihr habt Angst um euer Leben, ihr seid gehemmt in eurem klaren Denken, ihr habt keine Zeit mehr, ihr wollt und müsst einfach nur noch weg. Im besten Fall schafft ihr es irgendwo hin, wo die Lebensumstände besser sind, wenn ihr Glück habt bleibt eure Familie zusammen, kommen die letzten Wertbestände mit, die ihr als eure wenigen Habseligkeiten habt mitnehmen können.

Und auf einmal ist alles anders

Ihr kommt an, alles riecht anders, die Luft schmeckt anders, alles sieht anders aus. Ihr seid froh, dass ihr einmal verschnaufen könnt, kurz den Puls runterbringen dürft. Und alle starren euch an, tuscheln mit hervorgehaltener Hand über euch. Ihr versteht sie nicht, denn ihr sprecht ihre Sprache nicht, versucht euch gerade an den ersten Wörtern, verständigt euch notfalls auf Englisch oder mit Händen und Füßen. Und sie starren euch an.

Das Leben muss weiter gehen, ihr wollt eure Unabhängigkeit zurück, ihr möchtet arbeiten, ihr seid nämlich keine „Schmarotzer“ – „Schmarotzer“ das Wort, dass ihr mittlerweile versteht. Aber wo geht ihr hin? Wer hilft euch? Ihr googlet, findet Internetseiten – ihr seid gut ausgebildet, ihr habt sogar Glück und versteht sie, denn manchmal, manchmal sind die sogar auf Englisch. Also kämpft ihr euch durch den Behördendschungel, füllt Formulare aus, versucht alle Unterlagen zu bekommen, aber euch fehlt die Hälfte, weil ihr keine Zeit hattet, sie vor eurer Flucht anzufordern. Weil ihr nicht wusstet, dass ihr sie braucht, jetzt steht ihr da ohne alles, kommt euch so wahnsinnig hilflos vor.

Und dann, dann findet ihr endlich einen Job, aber es ist ein schlecht bezahlter, für den niemand eine Qualifikation bräuchte. Und zu den Blicken, die ihr alleine schon kassiert weil ihr ein ausländisches Aussehen und vielleicht strapazierte Kleidung habt – dazu kommen nun abschätzige Blicke, weil ihr den Fußboden wischt und Mülleimer leert. Dass ihr in eurer Heimat ein angesehener, gut bezahlter Arzt wart, der vielen Menschen geholfen hat, das könnt ihr euch ja nicht auf die Stirn schreiben.

Tag ein, Tag aus, abschätzige Blicke, alleine, getrennt von eurer Familie, gerade so am Existenzminimum, ausgeschlossen von der Gesellschaft: Tag ein, Tag aus.

Klingt nach einem verdammt beschissenen Albtraum? Ja. Ist aber für viele tausend Menschen Realität. Und nein, ich kann mich in diese Lage genauso wenig hineinversetzen wie ihr.  Und nein, ich möchte auf keinen Fall mit einem Flüchtling tauschen. Aber ja, ich möchte gerne den Menschen die Ohren lang ziehen, die sich über Flüchtlinge in Deutschland beschweren. Nein, eigentlich möchte ich gewaltsameres tun, als ihnen die Ohren langzuziehen, aber Assozialen hier mit Hetzparolen zu drohen halte ich für sinnlos und schlechten Stil.

Ich will appellieren. An all die, die sich über die „scheiß Kanacken, die unsere Jobs klauen, sich ihren Arsch breitsitzen und grundlos jammern“.  HALT’S MAUL! Und ja, das meine ich genau so, wie ich es geschrieben habe. Fett und ausdrücklich – anschreiend und anklagend. Wir, zumindest die meisten von uns, haben es so verdammt gut. Wir leben hier nicht in Angst, wir können die Jobs wählen die wir wollen, wir können unser Gedankengut frei in die Welt hinausschreien. Und in unserer grenzenlosen Sorglosigkeit beschweren wir uns über die, denen es so verdammt viel schlechter geht. Anstatt Kraft darin zu investieren, diese Menschen ansatzweise auf den Lebensstandard zu heben, den wir als selbstverständlich betrachten, machen wir ihnen das wenige, was sie zum Leben haben kaputt.

Was würdest du dir denn für dich wünschen?

Nein, ich möchte nicht behaupten, dass wir alle nur zu unwillig sind zu helfen – konkret direkt Wunder zu vollbringen, das sollten wir nicht erwarten. Aber wir sollten uns aus unserem Denken lösen, versuchen, einmal die Perspektive zu wechseln – und dies mit anderen teilen. Andere vielleicht zu einem Umdenken bewegen, versuchen, diesen Menschen das Gefühl zu geben, dass sie hier willkommen sind. Einfach, weil wir es uns für uns, unsere Freude, unsere Verwandten in einem fremden Land doch genauso wünschen würden.

xx

Linn

4 comments on “Und auf einmal ist alles anders

  1. Liebe Linn,
    vielen Dank dass du so klare Worte für ein wichtiges Thema findest! Ich teile deine Meinung zu 110% und werde ungeheuer wütend, wenn ich abschätzige Kommentare über Flüchtlinge höre, meist ohne jegliches Hintergrundwissen. Danke, dass du dich positionierst und mit deinem Blog vielleicht einigen Leuten die Augen öffnest.
    Viele Grüße an dich und weiter so! ♥

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    • Liebe Daniela,
      mir ist gerade erst aufgefallen, dass ich nie auf deinen Kommentar geantwortet habe – ganz große Entschuldigung dafür! Und vielen Dank für deine Worte, schön zu wissen, dass es Menschen gibt, die mein Text bewegt!
      Liebe Grüße,
      Linn

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  2. Pingback: 2015 auf linnmaira |

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