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Generation „Augen zu“?

Ich saß neulich mit meinem Großvater an einem Tisch, wir kamen ins Gespräch, kamen von A zu B zu C und schlussendlich zu dem Punkt, an dem sich zwei Generationen gegenüberstehen. Zwei Generationen, zwischen denen eine weitere Generation liegt. „Weißt du Linn, manchmal habe ich das Gefühl, ihr gebt alles ab, ihr legt all eure politische, gesellschaftliche, am besten kritische Stimme in fremde Hände. Gebt alles ab, informiert euch nicht, sondern akzeptiert das Ergebnis, anstatt es im Wahlprozess zu beeinflussen. Und wenn ich ehrlich zu dir sein darf, dann macht mir das Angst“ Eine große Masse Wiederkäuer Ich fuhr später nach Hause, immer mit diesem Gedanken im Kopf. Stimmt es? Sind wir Generation „Augen zu“? Lassen wir uns unsere Meinung wie Essen vorkauen, verdauen dann nur den zermatschten Einheitsbrei ohne jegliches Gewürz? Ziehen wir eine Babybrei-Meinung einer gepfefferten Meinung vor? Fakt ist – wir alle sind mainstream. Wir sagen „Ih“ und „Bäh“ wenn jemand beschließt, dass er Kleidung tragen will, die nicht in unser Konzept eines angesagten jungen Menschen passt, wenn jemand mit seiner Kleidergröße, die nicht dem Instagram-Ideal entspricht, zufrieden ist, dann schütteln wir doch insgeheim den Kopf, zucken wenn auch nur imaginär mit der Augenbraue. Wir, gerade wir hier in Deutschland, haben die unglaubliche Freiheit uns mit unserer eigenen Meinung zu beteiligen, aber wir rennen lieber wie kleine Entenküken einem scheinbaren Ideal hinterher. Finden unsere Politik super und selbst wenn nicht, naja, ich als Einzelperson kann ja eh nichts ändern, dann kann ich das ja auch akzeptieren. Oder? Gebe ich damit nicht mich selbst auf? Je älter wir werden, desto grauer und angepasster werden wir. Nur wenige stechen aus der Masse heraus, Menschen, die ihren eigenen Gedanken nachgehen, ob diese nun im besten Fall kritisch dem Mainstream gegenüber sind oder einfach nur ein wenig mehr „Personality“ aufweisen als der Ottonormalverbraucher. Aber das sind Ausnahmen. Wieso eigentlich? Jeder, der schon einmal zu den Uncoolen in der Grundschule gehörte, der kennt die Antwort. Man muss stark sein, um gegen den Strom zu schwimmen – muss damit rechnen, auf sich alleine gestellt zu sein, die eigene Meinung wieder und wieder zu verteidigen. Und dieser ständige Kampf des Überzeugens, natürlich wünsche ich mir insgeheim, dass Menschen meine Meinung teilen, ist sie doch diejenige, von welcher ich behaupte, sie sei die wahre. Aber man ist so klein, so verdammt klein, der David mit der Einzelmeinung gegen den Goliath der Masse. Doch wer im Religionsunterricht nicht nur andauernd Kreide holen war, dem ist bekannt, dass David Goliath am Ende besiegte. Nichtsdestotrotz kostet es Mut, unheimlich viel Mut, sich hinzustellen, als Zielscheibe (in Zeiten des Internetmobbings noch viel ausgeprägter) zu dienen und zu seiner Meinung zu stehen. Ich weiß das – ich hab diesen Mut auch nicht oft. Schlafmaske ab und auf in die Welt Ich habe diesen Mut nicht oft – es wäre also vermessen, euch aufzufordern mutig zu sein, euch von der Masse abzuwenden, mit eurer Meinung die Welt zu revolutionieren. Und ja, vermutlich vermag meine Meinung nicht die Lösung, die geniale Idee, die Rettung sein. Und nein, ich muss nicht die nächste Bundeskanzlerin werden. Aber ich muss von mir (und ich wage zu behaupten, dass jeder das von sich) erwarten können, dass ich meine Augen aufmache. Dass ich etwas aufnehme und es möglichst kritisch beurteile. Dass ich mich dazu auch äußere, auch wenn mich dann jemand dafür auslacht, verurteilt oder mich nicht mehr mag. Ich werde in einem halben Jahr 18, bin dann laut Gesetz eine Erwachsene der Generation Augenzu – und ich möchte die Schlafmaske abwerfen, die Augen aufmachen und kritisch sein. Ich möchte nicht wiederkäuen, ich möchte das Steak pur, life und in Farbe. Ich möchte kritisch sein und mir selbst beweisen, dass ich einen eigenen Kopf habe, den ich zum Denken und Gedanken aussprechen benutze. Ich möchte ich sein, ich bleiben, ich, mit offenen Augen. PS.: Kompliment an diejenigen, die sich das an einem Freitagabend noch durchlesen, an alle anderen: Guten Morgen, macht euch erstmal einen Kaffee.

1 comment on “Generation „Augen zu“?

  1. Pingback: 2015 auf linnmaira |

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