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Und ich fühle mich schlecht, dass ich mich irgendwann davon abwenden kann

Ich sehe es auf Facebook. Ich sehe es auf Instagram. Ich sehe, wie sich Blogger streiten, ich sehe, wie sich reichweitenstarke Printmedien gegenseitig für Einstellungen verurteilen. Ich sehe #rip’s und #prayers. Und ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ihr kennt mich, ihr wisst, dass ich nahe zu allem eine Meinung habe und diese auch in die Welt hinausposaune, ohne Rücksicht auf die Gefahr, dass mich dafür einer weniger in sein Nachtgebet schließen könnte. Aber ich weiß heute nicht, was ich dazu sagen soll. Ihr könnt es euch sicher vorstellen, es geht um den Absturz des Germanwings Fluges 4U9525 von Barcelona nach Düsseldorf. Die Tragödie um 160 Menschen, die ihr Leben in den französischen Alpen ließen, die nicht mehr nach Hause kommen werden. Mütter, Väter, Großeltern, Töchter, Söhne – sie alle kommen nicht mehr zurück.

Und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Mein Mitleid bekunden? Ja, natürlich – das ist doch das erste woran man denkt, wenn man sich überlegt, einen Post über so ein Unglück zu schreiben. Ich weiß, dass Charlie Hebdo vor wenigen Wochen eine riesige Wut in mir auslöste – jetzt ist es mehr ein trauriges Gefühl. Begleitet von Scham. Denn mein erster Gedanke war „Gott sei Dank saß nicht meine Familie in dem Flieger“ – und ich denke so geht es vielen anderen auch. Aber das kannst du doch nicht so posten – wie pietätlos wäre das. Respektlos, den Toten und ihren Angehörigen gegenüber. Dabei wäre es die Wahrheit. Die grausame Wahrheit. Denn so Leid es uns für die Betroffenen tut, insgeheim sind wir froh, dass es nicht uns, unsere Familie oder unsere Freunde getroffen hat. Und wer etwas anderes behauptet, dem vermag ich eine Lüge zu unterstellen. Ich fühle mich auf eine seltsame Art und Weise wie eine Heuchlerin. Und ratlos. Denn meine Worte, wie sollen die einer Familie, die ihr Kind verloren hat, Kraft und Trost spenden können? Ich vermag die Dimensionen ihres Verlustes und Schmerzes nur zu erahnen, ich kenne sie nicht. Und ich bete dafür, dass ich sie nicht kennenlernen muss in meinem Leben. Und für diese Worte, die ich hier schreibe, fühle ich mich schlecht. Ich fühle mich schlecht, dass ich dieses Unglück aus der Ferne betrachte und mich davon irgendwann abwenden kann. Die Angehörigen der Passagiere von 4U9525 können es nicht. Ich schäme mich dafür, dass ich heilfroh bin, dass es mich nicht getroffen hat. Weil das meiner Meinung nach egoistisch ist und ohne jegliches Einfühlungsvermögen und all das, was in den Sozialen Netzwerken gerade angeprangert ist. Aber ich erzähle euch das, weil ich mir vorstellen kann, dass dies ebenfalls die Gedanken von jemand anderen sein könnten und weil es vielleicht hilft, wenn jemand zu dem steht, was er wirklich denkt.

xx

Linn

Dieser Text bezieht sich im Großen und Ganzen natürlich nicht nur auf den Flugzeugabsturz – er ist universell „anwendbar“ auf all das, was in der Welt alles schlimmes tagtäglich passiert.

1 comment on “Und ich fühle mich schlecht, dass ich mich irgendwann davon abwenden kann

  1. Pingback: 2015 auf linnmaira |

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